Maurische Nachtschicht

Der beige Flachbau duckt sich vor der mauretanischen Abendsonne. Winzige Fenster halten die Hitze draußen. In den Beeten haben nur ein paar Kakteen überlebt.

Ich sitze unter einer Markise im Hof und greife im Minutentakt zum Wasserglas. Beim Absetzen fällt mein Blick auf den Notizblock. „Schwache Organisation. Probleme bei Fortbildungen. Schleppende Kreditrückzahlung.“ Gleich werde ich diese Punkte mit den Schreinern besprechen. Ich ergänze Fragen. Ein Schluck, eine Notiz. Die Seite füllt sich.

Ein Rascheln. Ein Igel tippelt über die Bodenplatten, zielstrebig auf den Futternapf des Wachhundes zu. Bonzo ist empört, bellt, springt, tobt. Doch die grau-braune Spitznase bleibt unbeirrt. Als die Hundeschnauze zu nahe kommt, verschwindet sie in einer Stachelkugel. Bonzo schnappt zu – und jault auf. Der Igel entrollt sich, frisst ungerührt weiter.

„Fahren wir?“, rufe ich Emmanuel zu.
„Komme!“

Wenig später sitzen wir im Landcruiser. Türen schlagen, der Motor brummt.

„Früher hatte Nouakchott 30.000 Einwohner“, sagt Emmanuel.
„Heute fast eine Million“, antworte ich.
„Genau. Und warum?“

Ich weiß es, lasse ihn aber erzählen. Flüchtlingswellen, Westsaharakonflikt, knappe Ressourcen. Während er spricht, lenkt er den Wagen durch tiefe Schlaglöcher. Berber, Araber, schwarzafrikanische Migranten – Spannungen, die auch ihn erfassen.

Als wir das Versammlungszelt erreichen, ist es dunkel. Zwei Männer treten heraus.

„Said. Präsident.“
„Jamal. Generalsekretär.“

Sie geleiten uns hinein. Das Zelt wirkt wie eine Kathedrale aus Leinen. Teppiche, Matten, Kissen – ein Echo ferner Wohnzimmer. Ich setze mich; das Kissen seufzt.

Tee und Datteln werden gereicht. Minzduft liegt in der Luft, Kerzen werfen wandernde Schatten. Nach und nach treffen weitere Schreiner ein. Abgenutzte Anzüge, müde Gesichter. Hände schütteln, Platz nehmen. Immer wieder.

Erst nach zwei Stunden beginnt die Versammlung.

„Wir heißen unseren Gast willkommen“, sagt Said.

Doch zunächst wird serviert. Eine Hammelkeule, dampfender Couscous, Auberginen. Der Duft von Fleisch und Koriander verdrängt den Tee. Ein Blick auf die Uhr: nach elf.

Reden folgen. Begrüßungen, Dankesworte, höfliche Schleifen. Die Nacht schreitet voran. Es ist eins, als endlich die Themen beginnen.

Punkt eins: Organisation.
Generalversammlung? Nie stattgefunden. Statuten? Abgelehnt, umformuliert, wieder abgelehnt.

„Warum?“, frage ich.

Die Stimmen werden laut. Hassania erfüllt das Zelt. Hände gestikulieren, Augen blitzen.

„Sie sind schwierig“, flüstert Emmanuel.

„Wir Mauren sind uns einig“, fasst Said zusammen. „Aber die anderen …“

Ich sehe auf die Uhr. Nach zwei.

Punkt zwei: Fortbildungen.
Listen angefochten, neu erstellt, wieder angefochten.

„Warum?“

Wieder Lärm, Wortkaskaden. Müdigkeit legt sich wie ein Schleier über mich.

„Sie sind schwierig“, sagt Emmanuel erneut.

„Wir könnten morgen beginnen“, sagt Jamal. „Wir sind bereit. Aber die anderen …“

Es ist drei.

Punkt drei: Kredite.
„Sechzig Prozent Rückzahlung sind wenig“, höre ich mich sagen. Meine Hand kritzelt ziellos.

„Wir Mauren haben gezahlt“, sagt Said.
„Und die anderen?“
Ein Nicken.

Kurz vor vier endet die Versammlung.

Im Auto sacke ich zusammen. Erst vor Emmanuels Haus schrecke ich hoch. Bonzo steht wie ein Fragezeichen in der Einfahrt, gähnt, wedelt kurz und verschwindet wieder.

Bei den Kakteen glimmen Igelaugen auf – und verlöschen, als die Scheinwerfer ausgehen.

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