Eine Stunde warte ich nun schon auf den Gouverneur von Nasarawa, einem Bundesstaat Nigerias. Um mit ihm über das große deutsche Regionalentwicklungsprogramm zu sprechen. Finanzdienstleistungen sollen Kleingewerbetreibenden Investitionen erleichtern. Ausbildungsgänge werden die Qualität der Produkte und Dienstleistungen erhöhen. Ein umfassendes Beratungspaket mit einer Vielzahl von möglichen Inputs kann maßgeschneidert auf Herausforderungen der Kleinbetriebe reagieren.
Im Palast des Gouverneurs bläst das Klimagerät wohltemperierte Luft in den Warteraum. Weißes Kuschelleder lädt mich zum Versinken ein. „Enjoy!“, meint eine Mitarbeiterin und serviert Kanapee-Variationen. Blätterteig kitzelt meine Gaumen. Chilliges Würzfleisch lässt mich zum Tafelwasser greifen. „Käruu!“, gellt ein Pfau im majestätischen Garten.
„Der Gouverneur ist auf dem Weg!“, wird mir eine Stunde später versichert. Zu den scharfen Häppchen gesellen sich nun Sahneschnitten. Tee fließt duftend in Porzellantassen. „Käruu!“, wiederholt der Pfau.
Es ist schon nach 17 Uhr. Ich blättere in der Nigerian Tribune. Gestern Abend wurde ein Bus überfallen. Arbeitslose Akademiker hielten ein Volksgericht ab und erschossen vermeintliche Ausbeuter. Ich blättere auf die nächste Seite. Kidnapper haben gestern Nacht Ärzte entführt. In der Nähe wurden mehrere Tankstellen ausgeraubt.
Die Zeitung sinkt herab. Beklemmung greift nach meinem Nacken. Wenn ich nicht bald aufbreche, werde ich in die Dunkelheit kommen – ein absolutes No-Go! Ich schnelle in die Höhe. Mit festem Schritt nähere ich mich dem Security-Schalter.
„I have to go! I have to be in Abuja before dark” – Ich fahre! Ich muss vor der Dunkelheit in Abuja sein”, teile ich dem Man in Black mit.
„No!“, erwidert er. Der Gouverneur werde bald da sein. Es werde für mich gesorgt werden. „SIT DOWN!“, befiehlt er dann und deutet in Richtung des Warteraums.
Mein Sakko schrumpft zusammen. Wie nutzlose Kordel hängt die Krawatte an mir herab. Gekränkt lasse ich mich ins weiße Leder fallen. Meine Finger trommeln einen Protestmarsch auf den Couchtisch.
Wenig später wird es laut. Die Tür schwingt auf. Mit ausgebreiteten Armen eilt der Gouverneur auf mich zu; der goldbestickte Bubu schwingt im Rhythmus seiner Schritte. „I am so sorry”, ruft er und verweist auf endlose Dorfversammlungen. Kenne ich. Er werde sich um meine Rückfahrt kümmern. Na gut. Mit magensaurer Freundlichkeit stelle ich die Ziele der Prüfmission vor.
Nach der Präsentation trotten acht Sicherheitskräfte in den Raum; jedes Rugby-Team wäre froh, sie in den eigenen Reihen zu haben. „Sie erhalten meine persönliche Leibwache“, meint der Gouverneur. Und dann wird sich gekümmert. Die Sirenen der para-militärischen Jeeps lassen den Pfau ins hinterste Eck des Gartens fliehen. Kio, der Chef der Truppe, lehnt sich aus dem Leitfahrzeug. Als wir die Straße nach Abuja erreichen, schlägt er mit einem Holzknüppel auf den Fahrweg blockierende Autos ein. „Wäng, Deng, Dong“; jeder Schlag ein Treffer. Ein Kollege zielt mit seiner Maschinenpistole auf besonders Resistente. Wagen um Wagen flieht in dunkle Gräben. „Wiuu-wiuu“ hallen die Sirenen. Im Zickzack preschen wir durch die freigewordenen Gassen.
In Abuja spendiere ich adrenalingeflutet Hähnchen und Bier. „War das ein Höllentrip!“, seufze ich.
„Business as usual“, erwidert Kio grinsend. Hähnchenfett bildet einen Rand um seinen Mund.
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