Der innere Teufelskreis der EZ. Teil 6: Frust und Fluktuation

Wenn das Geld knapper wird, weniger Personal da ist, kaum noch Zeit für Wesentliches bleibt und man zudem permanent kontrolliert wird, dann reicht es irgendwann. Der folgende Beitrag benennt Beispiele für diese Entwicklung.

„Drei Tage habe ich mich nun mit dem neuen Projektantrag herumquälen müssen.“

Der kenianische Landesleiter lehnt sich müde zurück. Vor ihm liegt ein Stapel Formulare, Checklisten, Tabellen. Früher war er viel unterwegs, kannte die Projekte, die Menschen, die Probleme. Heute sitzt er meist hier.

„Bei der geringen Erfolgsquote kann ich gleich den nächsten schreiben“, sagt er und lächelt schief. „Ich habe keine Zeit mehr für Projektbesuche. Vor lauter standardisierter Büroarbeit kenne ich meine eigenen Leute bald nicht mehr.“

Was er beschreibt, beginnt selten mit einem Knall.

Keine große Reform. Kein Paukenschlag. Sondern ein schleichender Prozess: Jahr für Jahr etwas weniger Budget. Kürzere Laufzeiten. Projekte, die nicht verlängert werden. Andere, die mit deutlich weniger Ressourcen auskommen müssen. Manchmal werden Vorhaben zusammengelegt – nur um Geld zu sparen.

Aus langfristigen Programmen werden kurzfristige Interventionen. Aus Aufbauarbeit, die Zeit braucht, um Vertrauen zu schaffen, werden „Quick Wins“. Der Blick richtet sich auf das, was sich schnell erreichen und noch schneller als Erfolg darstellen lässt.

Gleichzeitig wachsen die Anforderungen durch politische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheiten, Klimakrise und fragile Kontexte. Und all das mit weniger Personal.

Der Landesleiter spürt das jeden Tag.

Was als Arbeitsverdichtung beginnt, wird schnell zu Frust. Nicht nur bei ihm.

„Ich muss viel mehr Projekte als früher bearbeiten“, sagt eine Abteilungsleiterin in einer deutschen EZ-Organisation. „Ich veröde in einem administrativen Dschungel mit immer gleichen Abläufen. Ich sehe den Sinn nicht mehr – es macht keinen Spaß mehr.“

„Hier bin ich – und da draußen ist das Leben“, sagt eine Sachbearbeiterin, während sie aus dem Fenster schaut. Seit Monaten war sie nicht mehr im Feld.

Was als Frust beginnt, bleibt selten folgenlos.

Immer mehr verlassen das System. Manche kündigen, andere gehen früher in Rente, wieder andere werden krank. Burn-out und Überlastung sind keine Einzelfälle mehr, sondern wiederkehrende Erfahrungen, von denen in vielen Organisationen berichtet wird.

Fluktuation ist zur Systemgröße geworden.

Studien belegen, dass in vielen EZ-Organisationen jährlich etwa ein Viertel der Stellen neu besetzt werden müssen. In manchen Kontexten liegt die Fluktuation sogar höher. Nach wenigen Jahren ist ein Team oft kaum wiederzuerkennen.

Der Landesleiter weiß, was das bedeutet. Er hat es mehrfach erlebt.

Erfahrene Fachkräfte gehen, weil Perspektiven fehlen. Neue kommen, motiviert und kompetent. Sie hören zu, stellen Fragen, bauen langsam Beziehungen auf. Und dann ist es zu viel, zu schwierig, zu monoton, zu mager ausgestattet. Sie gehen wieder – oft genau dann, wenn sie anfangen, wirklich wirksam zu werden.

Stellen bleiben unbesetzt, manchmal monatelang. Wissen geht verloren. Vertrauen, das über Jahre gewachsen ist, bricht ab – und muss immer wieder neu entstehen.

Für Partner vor Ort fühlt sich das an wie ein ständiger Neustart.

Offen kritisiert wird das selten. Wenn ein Ministerium ein Projekt vorgibt, widerspricht ein Berufsbildungsleiter oder der Leiter einer Kleingewerbeagentur nicht öffentlich. Doch hinter vorgehaltener Hand wächst die Skepsis.

Beziehungen kühlen ab. Projekten mit ständig wechselndem Personal wird weniger Bedeutung beigemessen. Termine werden verschoben – und nochmals verschoben. Eigenbeiträge der Partner werden seltener. Auf wichtige Unterschriften müssen Projektverantwortliche immer länger warten.

Der Landesleiter kennt diese Momente.

Früher reichte ein Anruf. Heute braucht es Erinnerungen, Nachfragen, Geduld.

Fluktuation verstärkt so die Folgen von Sparmaßnahmen und verkürzten Laufzeiten erheblich. Und die Reaktion darauf ist vorhersehbar: Wenn Ergebnisse unsicher werden, wächst der Druck, sie messbar zu machen.

Noch mehr Berichte. Noch mehr Kontrolle. Noch weniger Zeit für das, was eigentlich zählt. Der Teufelskreis dreht sich in immer höherer Geschwindigkeit.

Und verliert dabei die besten Fachkräfte.

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