First Contact

Das Ethnologie-Grundstudium liegt hinter, die verriegelte Tür des Jumbos vor mir. Auf der anderen Seite der Tür: Nairobi, Millionen-Moloch, wild und unberechenbar. Mein erster Kontakt mit Afrika! Für eine Nacht habe ich ein Hotel gebucht. Danach: Schauen, Eintauchen. Wird schon gut gehen, oder?

Eine Schweißperle läuft meine Stirn hinunter. Ich wische sie weg. Meine Anspannung würde ich gerne mit wegwischen. Aber sie bleibt: Panzer im Rücken, Kribbeln im Bauch. Tief durchatmen; positiv denken: Bin ich nicht in Traumzeitseminaren mit Hexen geflogen? Habe ich nicht in Ethno-Filmen Rinderrücken mental übersprungen? Und die Übergangsrituale der Massai kenne ich aus dem Effeff! Und dazu all die Seminare zu Entwicklungshilfe. Ist doch was, oder?

„Open the door – Türe öffnen“, scheppert es aus den Bordlautsprechern. Arbeiter in Sicherheitswesten schieben die Gangway näher. Ein oranges Licht blinkt hysterisch. „Wiiep, Wiiep, Wiiep“ gellen Warnsignale. Eine Stunde später spuckt der Flughafen mich aus, eine Menschentraube stürzt auf mich zu.

„Taxi? Taxi?“, schallt es mir entgegen. „I am your man!“, macht mir ein junger Mann ein Universalangebot. Eine Skimütze schützt ihn vor der abendlichen Kälte; das verschlissene Jackett will nicht recht dazu passen. „Sssstt, wanna change?“, fragt ein junger Schlacks neben ihm, das schmale Gesicht verschwindet hinter einer gigantischen Spiegelsonnenbrille, seine Faust umklammert ein Bündel Banknoten.

Mein innerer Ethnologe meldet sich zu Wort. Vermutlich handelt es sich hier um Landflüchtige, die der glitzernden Verführung der Großstadt erlegen sind. Nun leben sie in Kibera oder Mathare, den Slums von Nairobi. Stammesstrukturen sind durch die Hackordnungen urbaner Gangs ersetzt worden. Jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben.

Beobachtungen mit Abstand scheitern jedoch am Mangel desselben. Man greift nach mir und zupft an meiner Jacke. „Safari! Safari!“, gellt es in meinen Ohren. Ein Reiseprospekt ploppt vor mir auf; vergilbte Löwen berühren meine Nasenspitze. „No, thank you Sir“; rufe ich und weiche aus. Unterhosen drängen sich in mein Gesichtsfeld. „Good price!“, gellt es in meinen Ohren. Mr. Scarface legt ein Batikhemd über meine Schulter; ein Hutzelmännchen will meinem Rucksack tragen. Ich taumle hin- und her. Meine „NO!“-Schreie klingen wie die Notrufe eines Schiffbrüchigen.

„Can I help you, Sir?” Ein Mann im Businessoutfit steht plötzlich vor mir. „Licensed official taxis?“, stammele ich. Mein Retter bahnt sich energisch einen Weg zum öffentlichen Taxistand. Mein Rucksack springt in den Kofferraum, ich sinke mit einem Seufzer auf den Beifahrersitz. „Asante sana!“, rufe ich meinen Dank zum Fenster hinaus, aber mein Retter ist bereits verschwunden. Im Hotel kracht der Türriegel in die Halterung, ich schließe zweimal ab. Eine Orchidee sendet duftende Friedensangebote an meine Nerven. „Relax!“, flüstert die schneeweiße Bettdecke. Die Zimmerdecke wird zur Leinwand. Menschenwogen toben auf ihr.   

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