Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Youssef ist ein kleiner Angeber. Im Galopp prescht er heran, die Hufe trommeln Stakkato auf den harten Boden. Kurz vor dem Gatter reißt er am Zügel, der Kopf des Kamels schnellt zurück. Ein Schnauben, ein paar Stoppschritte – und Youssef springt ab. Perfekte Landung. Die wüstengetränkten Tuareg-Augen glühen vor Leben.
„Bin ich nicht toll?“, fragt er, ohne ein Wort zu sagen.

Bist du. Und genau das brauchen wir jetzt.

Denn hier, im Niger, haben wir uns ein Jahr lang an den Rand des Nervenzusammenbruchs gearbeitet:
in überhitzten Büros, Strom nur zwischen dreizehn und siebzehn Uhr. Jede Beschaffung ein logistisches Kunststück. Mal streikt der Computer, dann das Telefon, dann alle Lehrer. Wieder ein Année Blanche – ein weißes Jahr ohne Fortschritt. Neu entwickelte Curricula verstauben in Regalen. Frisch eingestellte Fachkräfte langweilen sich zu Tode.

Unsere Agrarfraktion steht auf Feldern voller Risse. Für Antierosionsmaßnahmen will die lokale Bevölkerung bezahlt werden.
„Aber es ist doch für euch! Es sichert euer Überleben!“ – das Mantra dieses Jahres.

Unsere Kleingewerbsförderer versinken in endlosen Versammlungen mit Handwerksgruppen aus allen Teilen des Landes. Djerma gegen Haussa. Haussa gegen Tuareg. Tuareg gegen Peulh. Und alle gegen die Weißen – die Fremden, die man, je nach Tagesform, als Helfer oder als Fortsetzung alter Ausbeuter sieht.
So fühlt es sich zumindest an, wenn man müde ist. Und ausgebrannt.

Und jetzt: raus.
Eine kleine Gruppe von Entwicklungshelfern, auf dem Weg zu einem Felsenplateau nahe Agadez.
Eine sündhaft teure Flasche Sekt, ein paar Häppchen für Silvester unter Sternen. Die Zelte stehen schon.
Also gebt uns zahme Kamele. Lasst uns schaukeln. Einfach nur schaukeln.

Ich nehme das Kamel mit der weißen Neugiernase. Ein Spreizschritt – und ich sitze im Sattel. Meine Hand umfasst den Knauf.
Langsam setzt sich die Kolonne in Bewegung.
Links, rechts. Links, rechts.
Vor und zurück. Vor und zurück.

Wie damals …

Ich bin im Laufstall. Umklammere die Sprossen. Drücke gegen sie, vor und zurück. Durch die Spalten zerfällt die Wohnküche in rechteckige Scheiben.
Meine Mutter eilt durch Kartoffeldampfschwaden. Löffel klappern, Teller scheppern. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen, um an den Quirl zu kommen.

Ich ruckle und quengle. Nichts bewegt sich.
Also lege ich mich hin. Die Stuckrosette über der Lampe direkt über mir.
Ich sehe sie an – und träume sie lebendig.
Triebe keimen aus dem Gips, strecken sich bis zum Küchenschrank, werden vom warmen Dampf gestreichelt. Eine Ranke wächst mir entgegen. Ich hebe die Hand. Fühle sie …

„Gut festhalten!“, ruft Youssef.

Es geht bergab.
Ich werde nach vorn gedrückt, presse die Beine zusammen, meine Hände verkrampfen sich am Sattelknauf.
Plötzlich reckt sich Weißnase nach einem unscheinbaren Halm.
Ein Ruck.

Ich rutsche nach vorn.
Noch ein Ruck.
Ich kippe fast über den Hals.

„Nein!“

Youssef dreht sich um, schnalzt. Weißnase hebt den Kopf, kaut weiter, als wäre nichts gewesen.

Ich atme. Schunkle wieder. Links, rechts.
Und hebe den Blick.

Die Gitterstäbe sind verschwunden. Die Rechtecke auch.
Hier gibt es keine Geraden. Keine Abstände. Keine Ordnung.

Nur Felsen. Geröll. Sand.
Halb vertrockneter Grasflaum kauert an Dünen. Der Himmel darüber wirkt durstig.
Eine ungezähmte Urwelt.

Kalifate, Sultanate – ihr Glanz?
Ein Heulen im Wind.
Songhai-Paläste, Handelsplätze?
Sand darüber.

Die Sonne senkt sich, taucht alles in weiches Licht. Eine kühle Brise streift die Haut.
Meine Knie lösen sich. Die Hand ruht nur noch leicht auf dem Knauf.

Und dann passiert es:
Auch die Gedanken lassen los.

Sie lösen sich aus Plänen, aus Zielen, aus all den kleinen Kämpfen.
Sie tasten sich frei.
Tagträume gesellen sich dazu, werden Schwestern, steigen auf.

Mit weit geöffneten Seelenarmen fliege ich über die Weite.
Werde Weite.
Bin nichts als Gegenwart.

Ein überströmendes Ja.
Ein schwereloses Immer-so.

Ist es nicht genau das, weshalb wir hier sind?
Nicht die Projekte. Nicht die Tabellen.
Sondern dieser eine Moment, in dem alles Sinn ergibt – ohne Erklärung.

Ein Schnauben.

Weißnase hat einen neuen Halm entdeckt. Ihr Kopf schnellt nach unten.

Ich verliere den Halt.
Greife ins Leere.
Kippe nach vorn, klammere mich an ihre Mähne.

Das Tier schüttelt sich.
Sein Auge ist plötzlich ganz nah. Ruhig. Gleichgültig. Kauend.

Mein Fuß steckt verdreht im Steigbügel. Ich zappele, rutsche, verliere fast den Griff.
Ein Lachen irgendwo.
Schritte.

Youssef ist da.
Ein Griff unter meine Arme. Ein kurzer Ruck.
Mein Fuß ist frei.

Und dann stellt er mich, mit einer fast zärtlichen Selbstverständlichkeit, auf den Boden.

Neben mir schmatzt es.
Als wäre nichts gewesen.

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