Schunkelnde Berge

Wie eine Bergziege setzt Aziz über den reißenden Bach. Kaum berührt sein Fuß einen Stein, schnellt er schon wieder empor. Eins, zwei, drei, vier – und schon ist er auf der anderen Seite.

Ich folge ihm zögernd, denke meine Schritte, bevor ich sie gehe. Ein Denkfehler. Eiswassergrüße laufen in meine Schuhe, ich rudere mit den Armen, suche verzweifelt nach Balance. Mit einem Satz ist Aziz wieder bei mir, packt mich am Arm und zieht mich zurück auf den richtigen Weg.
„Alles gut?“, fragt er.
„Alles bestens!“, antworte ich.

Bestens – weil die Beratung kirgisischer Kooperativen abgeschlossen ist und mir dieser herrliche Ausflug in die Berge geschenkt wurde. Schneebedeckte Fünftausender greifen nach den Wolken; ihre Wucht lässt mich zur Ameise schrumpfen. Auf frühlingsgrünen Steppen grasen Pferde neben Jurten, Schmelzwasserbäche mäandern ins Tal. Die Wellen schlagen Purzelbaum, glucksen und werfen sich übermütig gegen die Steine.

Meine durchnässten Wanderschuhe quatschen im Rhythmus meiner Schritte. Sie erzählen von den vergangenen Wochen:
– von Kollisionen mit dem kyrillischen Alphabet, nach denen mir statt Milch Kefir den Morgenkaffee verdirbt;
– von kirgisischem Gesang im Lada-Bus, wenn Stimmen und Landschaft vor den Fenstern zu einem einzigen Strom verschmelzen;
– von einer Start-up-Beratung, bei der mich ein Teilnehmer verschmitzt fragte, ob ich ihm beim Aufbau seines Drogenhandels helfen könne.

Nach der Wanderung geht es hinunter nach Bischkek. Auf der Abschiedstafel warten Bauernbrot, Essiggurken und Wurst. Und Wodkaflaschen – kristallklar verweisen sie auf das Thema des Abends.

„Herzlichen Dank für deinen Einsatz“, sagt Eldar, der Leiter der lokalen Hilfsorganisation. Er lobt die Zusammenarbeit. Wodkagläser heben sich synchron, Kling, kling, kling – und runter auf Ex. Ein gemeinsamer Seufzer, zehn Gläser knallen auf den Tisch. Schon bin ich an der Reihe.

„Lieber Eldar, liebe Kolleginnen und Kollegen …“ Ich füge ein paar Sätze über die gute Zusammenarbeit hinzu. Wieder erklingen die Gläser. Ich brauche Feuerlöschmittel. Eine Brotkruste zerbirst in meinem Mund, die Krume saugt eifrig den Alkohol auf, Wurstschnitten leisten ihr Beistand.

„Lieber Paul“, beginnt nun Azamet. Die Alchemie des Wodkas lässt seine Stimme hallend und fern klingen. Essiggürkchen beginnen sich zu räkeln, Teigblasen im Brot flüstern mir Botschaften zu. Ich muss aufstoßen.

Und wieder: Kling, kling – eine neue Flasche. Der Mann im Karohemd erhebt sich. Den Namen habe ich vergessen. Egal, ich höre ohnehin kaum noch zu. Ich füttere weiter Aufsaugstoffe. Doch beim nächsten Glas auf Ex muss ich husten, feine Tröpfchen benetzen den Tisch.

„Tschuldigung!“ Ungelenk lalle ich ein paar erklärende Worte. Eldar lächelt verständnisvoll.
„Wir wissen, dass Deutsche nicht trinken können“, sagt er und erlaubt mir gnädig ein Glas Wasser.

Fünf Ansprachen später bin ich auf dem Weg zum Flughafen. Die Straße schlängelt sich wie eine Schlange, und die Berge am Horizont scheinen miteinander zu schunkeln.

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