Der innere Teufelskreis der EZ – Teil 1: Immer kleinere Budgets
Der Rotstift regiert – und mit ihm beginnt eine Entwicklung, die die Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit schleichend untergräbt.
Der folgende Beitrag schildert anhand eigener Erfahrungen,
- wie selbst für notwendigste Reparaturen kein Geld mehr vorhanden ist,
- wie zentrale Investitionen – etwa für die Ausstattung von Ausbildungswerkstätten – ausbleiben,
- und wie hochqualifizierte Fachkräfte unter Bedingungen arbeiten müssen, die jeder Professionalität widersprechen.
Was zunächst wie einzelne Missstände wirkt, ist in Wirklichkeit der Beginn einer Kettenreaktion.
Ruanda: Fahren am Limit
Die Piste ist eine Schlammschlacht. Der Toyota schlingert, rutscht, kracht. Baumstämme kommen bedrohlich nah. Projektleiter Tom reißt das Steuer herum – gerade noch mal gut gegangen.
„Warum habt ihr keinen Geländewagen?“, frage ich.
„Kein Geld!“, knurrt er.
Die Stoßdämpfer? „Am Arsch.“
Das Budget für Wartung? „Null.“
Jede Schlaglochfahrt wird zur Tortur – und zum Symbol: Projekte sollen immer mehr leisten, unter immer schwierigeren Bedingungen. Gleichzeitig fehlen selbst die grundlegendsten Mittel.
Was wie ein logistisches Detail wirkt, ist Ausdruck eines strukturellen Problems: Wenn selbst Basisinfrastruktur nicht mehr finanziert wird, gerät die Umsetzung vor Ort ins Rutschen.
Jamaika: Die leeren Werkstätten
Unser Team kämpft seit Jahren für bessere Berufsbildung. Werkstätten wurden eingerichtet, Lehrpläne modernisiert, Frauen und Menschen mit Behinderungen stärker einbezogen.
Dann der Besuch eines Staatssekretärs.
„Wo sind die Maschinen?“, fragt er und blickt in einen leeren Raum.
„Beantragt, aber nie genehmigt“, sagen wir.
„WAS?“
Er brüllt, telefoniert – und plötzlich geht es doch.
Doch dieser Moment ist die Ausnahme. Die Regel ist eine andere: Notwendige Investitionen bleiben aus, selbst wenn sie seit Langem geplant und begründet sind.
Hier zeigt sich ein zweiter Effekt der Kürzungen: Projekte verlieren an Substanz. Was aufgebaut wurde, kann nicht mehr sinnvoll weiterentwickelt werden. Für Partner wird das zunehmend unverständlich – und untergräbt Vertrauen.
Nigeria: Arbeiten ohne Schreibtisch
Joan, Top-Expertin für lokale Wirtschaftsentwicklung, sitzt bei unserem Treffen auf dem Boden. Laptop auf einer Umzugskiste.
„Keine Büroausstattung bewilligt“, sagt sie. Ein Schreibtisch hätte gereicht. Ihr letzter Antrag? Abgelehnt.
Wenig später kündigt sie.
Das Projekt? Gelähmt.
Die Folgekosten? Um ein Vielfaches höher als die ursprüngliche Einsparung.
Wenn selbst minimale Arbeitsbedingungen fehlen, bleiben Konsequenzen nicht aus: Qualifizierte Fachkräfte gehen – und mit ihnen Wissen, Beziehungen und Kontinuität.
Eine strukturelle Entwicklung
Diese Beispiele sind kein Zufall. Sie spiegeln eine breitere Entwicklung wider:
Die Mittel für Entwicklungszusammenarbeit sind in den letzten Jahren deutlich gesunken. Real – unter Berücksichtigung der Inflation – beträgt der Rückgang über zehn Prozent. Besonders drastisch sind die Einschnitte in der humanitären Hilfe.
Gleichzeitig steigen die Anforderungen: komplexere Krisen, höhere Erwartungen, ambitioniertere Ziele.
Weniger Mittel treffen auf mehr Aufgaben. Der Druck wächst.
Die Dynamik beginnt
Was folgt, ist keine abstrakte Krise, sondern eine Kettenreaktion:
Projekte verlieren Handlungsspielräume.
Notwendige Investitionen werden verschoben oder gestrichen.
Arbeitsbedingungen verschlechtern sich.
Vertrauen bei Partnern beginnt zu bröckeln.
Was als haushaltspolitische Entscheidung beginnt, verändert Schritt für Schritt das gesamte System.
Und das ist erst der Anfang
Denn die Kürzungen bleiben nicht ohne strukturelle Folgen.
Wenn Mittel knapper werden, verändern sich Projekte:
Sie werden kleiner, kurzfristiger, taktischer.
Langfristige Ansätze geraten unter Druck. Planungssicherheit schwindet.
Damit beginnt der nächste Schritt im inneren Teufelskreis der Entwicklungszusammenarbeit
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