Tränen am Mount Kenia

Ich ahne noch nichts von dem bevorstehenden Höllenritt.

Blicke tasten nach mir. Sie gleiten über meinen Anzug und die gestreifte Krawatte. Ein ungewöhnliches Outfit für einen kenianischen Kleinbus, stimmt schon. Aber mein Stipendium reicht gerade so für Ugali (Maisbrei) und Logis in Bruchbuden. Die Interviews mit kenianischen Ingenieuren muss ich irgendwie hinkriegen. Zu den Terminen geht’s in der dritten Klasse der kolonialalten Eisenbahn. Oder eben in einem Matatu. „Fünf Tote, vierzig Verletzte“, werden diese Geschosse gerne genannt. „Hell Racer“ oder „2 Fast 4 You“ steht auf ihren Hecks. Irrtümlich halte ich dies für Übertreibungen.

„Embu – Isiolo“, brüllt der Makanga. Der Schlacks rennt neben dem anfahrenden Bus her, eine Kopfwunde belegt, dass er auch mal um Kunden kämpft. Ein Sprung und ab gehts. Wir schneiden einen Pkw, Bremsen kreischen. Unser Fahrer – gerötete Augen über tief hängenden Tränensäcken – grinst und drückt das Gaspedal voll durch.

Meine Nachbarin nimmt zwei Drittel der beiden Sitze ein. Auf ihrem Schoß sitzt ihr Sohn; seine Windeln federn Bodenwellen ab. Zwischen den beiden und mir entsteht ein feucht-warmes Biotop. Mit zusammengepressten Beinen versuche ich, die übergroße Nähe zu ignorieren. Die Metallkanten der Sitze drücken Souvenirs in meine Haut.

Die Vorgebirge des Mount-Kenia strecken ihre Fühler nach uns aus. Wie besessen hupt der Fahrer und jagt einen Hügel hinab. Fußgänger springen ins Maisfeld; Mopedfahrer fliehen in den Straßengraben; Dröhnendes Gelächter der Businsassen begleitet sie. Der überdrehte Motor heult wie ein Stuka. Ausgebrannte Autowracks säumen den Straßengraben.

Als die Talsohle hinter uns liegt, quält sich das überladene Matatu die Steigung hinauf. Gegrillter Mais wird durch die Busfenster hindurch verkauft. Ein Fahrgast springt auf den kriechenden Bus auf. Dann sind wir überm Berg und nehmen Fahrt auf. Stukas stoßen auf meine angegriffenen Nerven hinab.

Mein kleiner Nachbar ist in der Explorationsphase. Meine Krawatte wird tastend begriffen; seine Hand umschließt sie und hält sich an ihr fest.

„Hakuna basi – nein, lass!“, meint seine Ma.

„Hakuna matata“, antworte ich und signalisiere, dass der Kleine ruhig weiter explorieren darf. Er hat mich gehört und dreht den Kopf, um herauszukriegen, wer da oben spricht. Zwei Aufsaugaugen inspizieren mich. In Zeitlupe sinken die Mundwinkel herab, Tränen rollen über die dunkle Haut.

„Yo, yo“, tröstet seine Mutter, aber es ist zu spät. Herzzerreißende Schluchzer steigern sich zu ohrenbetäubendem Geplärr.

„Sorry“, meine ich unbeholfen und zeige auf meine weiße Haut. „Mzungu! – Weißer!“, ergänze ich mit schiefem Lächeln.

„Pah, Black – White“, meint Ma Kenia und wischt diese Unterschiede mit einer Handbewegung beiseite. Ihr Kleiner beruhigt sich langsam. Irgendwo in ihm wird das neu entdeckte weiße Weltwunder verarbeitet. Die Talsohle ist durchquert. Der Duft von gebratenem Mais steigt in meine Nase.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert