Wir befinden uns in den Jahren vor der Jahrtausendwende. Mitten in Afrika, weit entfernt von der nächsten Stadt, steht jemand vor einem technischen Problem. Kann man sich in einer solchen Situation einfach an einen Frage-und-Antwort-Dienst wenden? Und erhält man dort tatsächlich fundierte Informationen und persönliche Unterstützung? Jahre vor der Erfindung des Internets? Jahrzehnte vor dem Aufkommen künstlicher Intelligenz?
Ja, das war möglich. Und dabei entstand sogar eine Bewegung, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind.
Wie ging das noch mit der traditionellen Lehmbauweise?
Fatoumata möchte im Sahel ein Handwerkszentrum aufbauen. Errichtet werden soll es in traditioneller Lehmbauweise – mit einem Innenhof, natürlicher Kühlung und kunstvollen geometrischen Mustern an den Wänden. Verwendet werden sollen ausschließlich lokal verfügbare Ressourcen wie Lehm, Sand und Pflanzenfasern.
Doch das Wissen über die entsprechenden Techniken ist weitgehend verloren gegangen. Lokale Expertinnen und Experten für diese Bauweise kann Fatoumata nicht finden.
„Ich frag mal die von GATE“, sagt sie und formuliert eine Anfrage.
Von der Obstbäuerin zur Unternehmerin
Aisha hat große Pläne. Ihre Orangen, Zitronen und Datteln gehören zu den besten der ganzen Region. Jahr für Jahr arbeitet sie hart dafür. Trotzdem bleibt am Ende kaum Geld. Ihre Hände sind voller Schwielen, ihr Rücken schmerzt.
Den Gewinn streichen die marokkanischen Händler ein. Ihre schicken Autos und ihre teure Kleidung zeugen davon.
„Wenn ich selbst Säfte, Trockenobst und Marmelade herstellen könnte“, denkt Aisha, „würde deutlich mehr in meiner Kasse landen. Aber wie geht das eigentlich?“
„Ich frag mal die von GATE“, meint sie und greift zum Telefon.
Wo es keinen Strom gibt
Emmanuel schimpft mal wieder – diesmal über die schlechte Stromversorgung in den ländlichen Regionen Kameruns. In den Kleinstädten fällt der Strom regelmäßig aus, auf dem Land gibt es oft überhaupt keinen Anschluss.
Emmanuel will deshalb auf Photovoltaik setzen. An seiner Berufsschule möchte er Techniker ausbilden, die kleine Solarpanels in kooperierenden Agrargenossenschaften installieren. Solarbetriebene Bewässerungssysteme könnten Erträge sichern, Solartrockner die Ernte haltbarer machen und Verluste reduzieren. Solarpumpen könnten teure, laute und stinkende Dieselgeneratoren ersetzen.
Doch wie geht man das konkret an? Wie müssen seine Schüler ausgebildet werden? Und welche Komponenten sollte man beschaffen?
„Ich frag mal die von GATE“, sagt Emmanuel und vereinbart ein Treffen mit einem vor Ort tätigen Mitarbeiter.
GATE – der Türöffner für angepasste Technologien
GATE – das steht für German Appropriate Technology Exchange. Der Informationsdienst wurde von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) betrieben. Ziel war es, kleine, kostengünstige, leicht wartbare und ressourcenschonende Technologien gezielt zu fördern. Unterstützt wurden Selbsthilfegruppen, Techniker*innen, Entscheidungsträger sowie Hilfs- und Netzwerkorganisationen, die an praxisnahen technischen Lösungen interessiert waren.
Über einen Frage-und-Antwort-Service vermittelte GATE technische Beschreibungen, Praxisbeispiele, Literaturhinweise und Kontakte für den Wissenstransfer. Über die Dachorganisation GTZ war der Dienst in mehr als 100 Ländern erreichbar. Jährlich wurden über 2.500 Anfragen beantwortet. Vor Ort kooperierte GATE mit Nichtregierungsorganisationen und Forschungszentren. Kleinstprojektfonds ermöglichten zudem die Erprobung angepasster Technologien.
So erhielt Fatoumata detaillierte Bauanleitungen für traditionelle Lehmbauten. Aisha wurde in Techniken zur Konservierung und Weiterverarbeitung von Obst geschult. Emmanuel bekam Kontakte zu Solarfachorganisationen, die ihm halfen, eigene Photovoltaikkurse an seiner Schule aufzubauen und Solartechnik in ländlichen Regionen zu verbreiten.
GATE – ein Musterbeispiel für engagierten Wissenstransfer
GATE war Wissenstransfer in seiner besten Form. Deutsche Fachkräfte engagierten sich mit großer Leidenschaft bei der Weitergabe ihres Fachwissens. Es entstanden persönliche Kontakte, die den Nährboden für gegenseitiges Verständnis und langfristige Kooperationen bildeten.
Die Partner wurden ermutigt und befähigt, eigenständig Lösungen zu entwickeln. Netzwerke entstanden. Angepasste Technologie wurde von den späten 1970er-Jahren bis in die frühen 2000er zu einem echten Gamechanger – sie ermöglichte ein besseres Leben in den marginalisiertesten Regionen der Welt. Auf meinen Reisen bin ich immer wieder auf kleine, aber äußerst wirkungsvolle Innovationen gestoßen.
Als sich die Tür schloss
„Warum gibt es GATE eigentlich nicht mehr?“, fragte ich um das Jahr 2010 einen Abteilungsleiter der GTZ.
„In dieser Liga spielen wir nicht mehr. Das können die machen, die da unten rumwuseln“, antwortete er und machte eine abfällige Handbewegung – als wolle er pickende Hühner aus seiner Nähe vertreiben.
Angepasste Technologie war plötzlich out. Marktorientierte Innovation und privatwirtschaftlicher Wissenstransfer waren in. „Für jeden Euro, den wir in die Entwicklungszusammenarbeit investieren, fließen zwei Euro nach Deutschland zurück“, behauptete der damalige Entwicklungsminister Dirk Niebel. Bis er 2024 in die Waffenindustrie wechselte.
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