Von dem kleinen Hostel muss ich noch ein gutes Stück die Landstraße hinunterlaufen. Nach einer guten Stunde erreiche ich das verrostete Haltestellenschild. Es steht mitten in der Savanne. Ein paar Traveller haben sich in den Schatten von Akazien geflüchtet. Ein paar Meter entfernt von der Straße inspiziert ein in Khaki gekleideter Tourist einen Baobab-Baum und nimmt jedes Detail mit seiner Kamera auf.
Am Rand der Kreuzung sitzt eine alte Massai auf dem Boden. Trotz der Hitze liegt eine rot-schwarz karierte Decke über ihren Schultern. Ihre Beine hat sie kerzengerade von sich gestreckt. Zwischen den ausgestreckten Beinen liegt ein Tuch mit handgefertigtem Armreifen. Manche sind so dünn wie mein kleiner Finger, andere so breit wie meine Hand. Die Farben Orange und Rot überwiegen, aber je näher ich komme, umso mehr wächst meine Gewissheit, dass auf diesem Tuch alle Farbtöne dieser Welt vertreten sind.
Ich bücke mich und greife nach einem schmalen Armreif. Meinen Daumen lasse ich über die auf Nylonschnüren aufgezogenen Plastikperlen gleiten.
„Rrrrrrrhhhhh, rrrrhhhh“, ahmt die Massai den Klang eines auf einen Widerstand treffenden Fingernagels nach. Sie legt den Kopf schief und lächelt mich an.
„Rrrrrr“, mache ich nun auch das Geräusch nach und nicke.
„Nice – hübsch!“, meint sie und deutet auf ihre Ware. Sie nimmt einen dünnen Armreif und hängt ihn über mein linkes Ohr.
„Nice“, wiederholt sie und lacht. Ihre Augen sind weit und klar. Das friedliche Leuchten in ihnen erinnert mich an den Ausdruck von tibetischen Mönchen.
„No, no“, meine ich irritiert und nehme den Reif von meinem Ohr. Ich streife ihn über mein Handgelenk. Blaue und orangene Rechtecke wechseln sich auf ihm ab, der Rand ist mit gelben Perlen eingefasst. Ich wiege meinen Kopf hin und her und meine „Maybe – vielleicht“.
„Meibi“, antwortet sie und nickt. Sie nimmt zwei weitere Armreife und reicht sie mir. Einer ist mit hellblau eingefassten roten, schwarzen und gelben Dreiecken verziert, den anderen schmücken gelb-, schwarz- und weißfarbene Ornamente.
„No, no“, antworte ich und strecke die Hände vor mir aus.
„No, no“, bestätigt sie und nickt. „Meibi.“ Dabei strahlt sie wieder so arglos, dass mein Widerstand wie Schnee in der Sonne dahinschmilzt.
„Okay“, willige ich nach kurzem Zögern ein. Ich zahle den üblichen Preis für die drei Armreife und lege dann noch ein paar Schillinge drauf.
Da es noch dauert, bis mein Bus kommt, ziehe ich meinen Reiseführer heraus und schlage nach, was ich am Viktoriasee so alles unternehmen kann.
„Kibo“, meint die Massai und deutet auf mein Buch.
„Kibo?“, frage ich zurück und schaue mir den Einband meines Reiseführers genauer an. Es stimmt, der höchste Berg des Kilimandscharo-Massivs heißt Kibo und der ist auf dem Einband abgebildet.
Sie streckt mir ihren rechten Arm entgegen; ein gutes Dutzend selbstgefertigter Armreifen ziert ihr Handgelenk. Mit der anderen Hand klopft sie auf ihr Brustbein. Ich reiche ihr das Buch, sie nimmt es entgegen, hält es aber verkehrt herum. Auf der anderen Seite des Tuchs steht nun der Kibo auf dem Kopf.
Mit großer Ruhe blättert sie den Reiseführer Seite für Seite durch. An einer Stelle hält sie inne, rückt die über die Schulter gerutschte Decke zurecht und tippt auf die Seite:
„Motokaa“, meint sie und deutet auf das vor ihr verkehrt herum abgebildete Auto. Sie wendet das Buch zu mir, so dass ich den auf dem Kopf stehenden Range Rover sehen kann.
„Motokaa“, bestätige ich den Suaheli-Ausdruck und nicke. Ich schau hinüber zu den anderen Reisenden, aber es hat sich noch nichts getan. Einer der unter einer Akazie liegenden Traveller versucht, mit Steinen einen abgestorbenen Baumstumpf zu treffen. Der in Khaki gekleidete Tourist, inspiziert mit gebührendem Sicherheitsabstand einen mannshohen Termitenhügel.
In meiner Nähe zwitschert es. Ich drehe mich wieder um: Meine Schmuckverkäuferin ist beim ornithologischen Teil des Buches angelangt. Sorgfältig geht sie die für sie verkehrt herum abgebildeten Bilder durch. Sobald sie einen Vogel erkennt, ahmt sie täuschend echt dessen Gesang nach. Mit Kopf und Hals imitiert sie die ruckende Bewegung beim Singen.
Sie blättert noch ein wenig weiter. Beim Anblick eines Holländerrads strampelt sie mit den Beinen. Als sie eine Frau beim Zerkleinern von Getreide erkennt, imitiert sie gekonnt das dumpfe Geräusch eines schweren Mörsers. Dann hat sie das Interesse an dem Buch verloren und reicht mir das Buch zurück.
„Kwaheri – Auf Wiedersehen“, meine ich, stehe auf und klopfe mir den Staub von den Cargohosen.
„Nice“, meint sie zum Abschied noch einmal und deutet auf die drei mich schmückenden Armreifen an meinem rechten Armgelenk.
Ich gehe auf die andere Straßenseite und geselle mich zu den Wartenden.
„Warum hat sie das Buch nicht umgedreht?“, frage ich einen an der Haltestelle wartenden Touristen, nachdem ich ihm die Geschichte erzählt habe. „Warum betrachtet sie alles verkehrt herum?“
„Vielleicht sehen wir ja alles verkehrt herum“, meint er und lächelt.
Ich nicke und lasse meine Finger über die neu erworbenen Schätze an meinem Handgelenk gleiten. In der Ferne ist eine Staubwolke zu sehen. Das Donnern des sich nähernden Busses nimmt zu.
Anmerkung des Autors
In den 80ern studierte ich Ethnologie und Entwicklungssoziologie. Nach dem Grundstudium hatte ich genug von all der grauen Theorie. Ich schlachtete mein Sparschwein und zog los. Mit dem billigsten Flug ging es nach Nairobi. Danach reiste ich mit halb verrosteten Kleinbussen durch Kenia und Tansania.
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