Der Weg windet sich um einen Felsen. Ich weiche Gesteinsbrocken aus und trotte die letzte Steigung hinauf.
„Wir sind da“, meint Amri wenig später. Vor uns liegt ein umzäunter Garten. Auf der rot-braunen Erde wachsen Kaffee, Bananen und Mais. Kühe und Ziegen weiden auf der Wiese.
„Hier am Kilimandscharo bin ich aufgewachsen“, meint Amri. „Aber nun lebt nur noch meine Mutter hier oben.“
Eine alte Massai tritt aus der von Büschen umrandeten Hütte heraus. Mit ihrer knochigen Hand hält sie ihren roten Umhang fest und eilt auf ihren Sohn zu. Begrüßungsworte fliegen hin und her, zärtlich ruhen ihre Hände auf den Armen ihres Erstgeborenen.
Als die beiden zu mir kommen, strahlt mich die alte Frau an. „Karibu! Karibu kiti – Willkommen! Willkommen Zuhause!“, ruft sie. Die runzlige Haut erzählt von vielen Stunden harter Arbeit auf ihrer Shamba, von Kämpfen mit den Sturzbächen, die in der Regenzeit den Berg herunterkommen und die fruchtbare Erde wegschwemmen. Aber wenn sie lacht, dann ist aller Mühsal vergessen. Dann strahlen ihre Augen und sind so klar wie das Wasser eines Bergsees.
Sie füllt Kaffeebohnen in einen Mörser, holt ihren Melkschemel und beginnt, die selbst gerösteten Bohnen zu zerstampfen. Ihre Ohrringe schwingen im Rhythmus der Bewegung mit, die Perlenhalsketten klirren bei jedem Schlag.
Ob es denn gut gehe, fragt sie ihren Sohn. Ob alles in Ordnung sei. Ob es seiner Familie gut gehe. Und ihren anderen Kindern, die sie so selten sehe.
„Ni vizuri. Yote ni vizuri – es geht gut. Alles ist gut.“, antwortet Amri. Immer wieder wendet er sich mir zu und übersetzt. Müde sieht er dabei aus. Nur selten huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Schnell ist es wieder verschwunden.
Als der Kaffee fertig zubereitet ist, schlürfen wir den bitter-süßen Willkommenstrunk und genießen die Aussicht. Tief unten in der Ebene sehen Bäume wie grüne Tupfer eines Pinsels aus. Dahinter erstreckt sich die Savanne. Am Horizont verhüllt Dunst die Ränder der Ebene. Die Erde scheint fließend in den Himmel überzugehen.
Nach dem Umtrunk wird mir die Shamba gezeigt. Auch in die Wohnhütte dürfen wir einen Blick werfen. In ihrer Mitte brennt ein Feuer. Rauch zieht kringelnd durch eine Öffnung im Dach.
„Nachts kommen auch die Kühe und Ziegen hier herein“, meint Amri. „Es wird eng – aber dafür halten sich alle schön warm.“
Als wir am Abend wieder unten in Moshi sind, lade ich Amri zum Barbecue ein. Ich frage ihn, warum er immer so müde aussieht.
„Zu viel Arbeit“, meint er und zuckt mit den Schultern. Dann erzählt er, dass er schon früh aufsteht und Waren ausfährt. Um neun mache er sein Reisebüro auf. Am Abend müsse er noch abrechnen und die Korrespondenz erledigen. Am Wochenende begleite er häufig Reisegruppen. All dies mache er, damit das Geld für alle reiche: für seine vier Geschwister, für die Großeltern und auch für seine Mutter.
„Yote ni vizuri – ich klage nicht.“, fügt er dann hinzu. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Schnell ist es wieder verschwunden.
Er hebt das Glas und wir stoßen an. Während wir gemeinsam trinken, muss ich an die strahlenden Augen da oben am Berg denken.
Anmerkung des Autors
Zu Beginn der 2000er leitete ich ein Projekt, dass sich um die Stärkung der lokalen Wirtschaft am Fuß des Kilimandscharo bemühte. Viele der kleinen Geschäfte in Moshi und Arusha haben enorme Ausstrahlungseffekte: Geht es ihnen gut, profitieren davon große Familien, die auch weit draußen im Umland leben.
Amri (Name geändert) hatte sein Reisebüro im gleichen Gang wie unser Projektbüro. Bei Kaffeepausen schaute ich öfters bei ihm vorbei. Mit der Zeit lernten wir uns kennen und schätzen. Die Erlebnisse bei gemeinsamen Touren leuchten bis heute in mir nach.
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