Halt im Nichts

Bei Tahoua hatte es hier und da noch ein wenig Grün gegeben. Doch hier, im Norden des Niger, gibt es kaum noch Akazien oder Steppengras. Links und rechts der schnurgeraden Straße reiht sich Stein an Stein. Le désert absolu – die absolute Wüste, wie ein Kollege einmal sagte. Die Augen finden nirgends mehr Halt. Der allgegenwärtige, trockene Staub kratzt im Hals.

Aboubacar löst eine Hand vom Lenkrad und deutet nach rechts. Geschickt manövriert er den schweren Landcruiser an den Rand des Asphalts. Das monotone Stampfen des Dieselmotors verstummt abrupt.

„Was ist, Aboubacar?“, frage ich. Wir haben bereits Verspätung. Die Silberschmiede von Agadez warten sicher schon auf uns.

„Da hinten“, sagt er und deutet erneut nach rechts, dorthin, wo Wüste und bleierner Himmel in ein flimmerndes Einerlei übergehen. Es dauert, bis sich meine Augen an die wabernden Hitzefelder gewöhnt haben. Schließlich erkenne ich in der Ferne einen Mann, der wild gestikuliert. Er hält etwas hoch. Was, vermag ich nicht zu erkennen.

Ich schaue auf die Uhr. Bei der Versammlung mit den Silberschmieden gibt es viel zu besprechen. Die über Monate vorbereitete Teilnahme an einer Fachmesse in Frankfurt steht im Mittelpunkt. Wir müssen das Design des Standes festlegen, entscheiden, welche Ketten wo liegen sollen, wie die fein ziselierten Ringe am besten zur Geltung kommen, welche Fotos die Aufmerksamkeit der Großhändler auf sich ziehen. Zudem will ich mit meinem Kollegen noch einmal eine Qualitätskontrolle des Schmucks durchführen. Das wird dauern. Die Zeit drängt. Unruhig rutsche ich auf meinem Sitz hin und her.

Aboubacar lässt das Fenster auf der Beifahrerseite herunter. Die Luft steht. Schon nach wenigen Minuten ist mein Rücken schweißnass.

„Er hat Durst“, sagt Aboubacar. „Wir können ihn nicht ohne Wasser zurücklassen. Das käme einer Kriegserklärung gleich.“

Ich nicke. Lasse das Handgelenk sinken und beachte die Armbanduhr nicht mehr. Dann wird es wohl nichts mehr mit der für den Abend geplanten Rückreise. Übernachten in einer Case de Passage ist angesagt: betonierte Tristesse, scheppernde Klimaanlagen, Betten, die quietschend aufschreien, sobald man sich niederlässt. Man kann wählen, ob man sich auf die herumsummenden Moskitos konzentriert oder auf die Kakerlaken, die auf dem Boden entlanghuschen.

Resigniert schaue ich zu der näher kommenden Gestalt. Wie weit sie wohl noch entfernt ist? Fünfhundert Meter? Mehr? Der Mann scheint zu schwanken. Immer wieder reißt er den kleinen Kanister in seiner Hand hoch, als wolle er einen Zauber wirken, der uns am Weiterfahren hindert.

Als er bei uns ankommt, taumelt er. Gierig greift er nach der Flasche. Seine dunklen Wangen sind tief zerfurcht, kleine Rinnsale laufen von den Mundwinkeln herab. Nachdem er getrunken hat, stammelt er Dankesworte; ein angedeutetes Lächeln huscht über sein Gesicht.

Ich helfe Aboubacar, den schweren Zwanzig-Liter-Kanister von der Ladefläche zu heben. Gemeinsam füllen wir den Kanister des Mannes. Ein paar Worte werden gewechselt. Worte des Dankes. Gute Wünsche. Dann dreht sich der Mann um und geht zurück, hinaus in die Steinwüste. Die flimmernde Wand aus Hitze am Horizont scheint bereits nach ihm zu greifen.

Wir wechseln die Sitze. Ich starte den Motor. Mit einem Ruck springt der schwere Diesel an. Aboubacar drückt die AC-Taste. Nach ein paar Kilometern tröstet uns ein kühler Luftstrom.

Wie lange er noch laufen muss, frage ich mich. Und wohin überhaupt? Hier draußen ist doch nichts.

Das ist nicht meine Sache, beschließe ich, rolle die Schultern und versuche, mich wieder auf den Silberschmuck zu konzentrieren. Doch immer wieder taucht eine Gestalt zwischen den imaginären Schmuckstücken auf – schwankend, taumelnd –, und wirft flimmernde Irrlichter auf die glänzenden Preziosen.

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