Der Garten atmet Weite. Der Rasen bietet Platz für tollende Kinder. Auf der Schaukel können sie bis in den Himmel schwingen. Für die Älteren stehen zwei verwitterte Holzliegen im Schatten eines Nussbaums. Dahinter dösen Gemüsebeete in der Sommerhitze.
Gleich beim Eingang sind Tische aneinandergereiht. Auf ihnen liegen Äpfel und Tomaten. Frauen aus Mantysh und Kotschkor stellen kirgisische Brotfladen und Obstkuchen dazu. Mit raschen Handbewegungen verscheuchen sie die über dem Tisch kreisenden Fliegen.
„Früher sind die Laster der Partei gekommen“, erzählt Gulzada, die Leiterin der Kooperative. „Sie haben Saatgut im Frühjahr gebracht und im Sommer die Ernte abgeholt und dafür bezahlt.“
Kauend nicke ich, der Hefezopf schmeckt nach Ostern.
„Aber nach dem Umsturz kamen sie nicht mehr! Wir standen da und haben gewartet. Wir wussten nicht, wie es weitergehen soll. Wir waren dumm!“. Gulzada lacht aus vollem Herzen, weitere Frauen stimmen ein.
„Und dann?“, frage ich nach. „Wie ging es weiter?“
„Die Speicher wurden immer leerer“, antwortet sie und wischt sich einen Brösel von der bestickten Bluse. „Jeden Abend haben wir uns zusammengesetzt und nach einem Ausweg gesucht. Da kam uns die Idee mit den Gänsen“.
Aigul, eine selbstbewusste junge Frau aus dem Nachbardorf, schneidet den Kuchen auf und legt ein Stück auf meinen Teller. Es duftet nach Äpfeln und Rum.
„Wir haben gesammelt und ein Dutzend Jungtiere gekauft“, erklärt sie. „Es lief gut. Sie wurden fetter und fetter. Aber dann kam der Frost.“
„Und ihr hatten keinen Stall?“
„Wir hatten die Garage. Wir haben sie dort untergebracht. In einer kalten Nacht sind sie mit den Füßen festgefroren.“
Mir bleibt ein Bissen beschwipster Apfel im Mund stecken. Entgeistert schaue ich Aigul an.
„Festgefroren?“
„Klar! Gänse brauchen Stroh, sonst frieren sie fest. Wir mussten alle notschlachten!“. Sie zuckt bedauernd mit den Achseln.
„Aber dann kamen zum Glück die Beratungszentren.“
„Genau. Sie brachten uns bei, wie man Früchte trocknet und Säfte konserviert. Jetzt müssen wir selbst aktiv werden.“
Am nächsten Tag beginnt unser Workshop. Gemeinsam erstellen wir einen Aktionsplan. Sezim will sich um einen Kredit kümmern; Zhibek wird einen Stand auf dem Wochenmarkt beantragen; Gulzada kümmert sich um Verpackungen.
Am Abend fahren wir zurück. Komuzklänge schallen aus der Anlage, der Sänger preist schmetternd das schöne Kirgistan. Gulzada und Sezim stimmen ein. Gold-gelbes Getreide fliegt draußen vorbei, dann wieder Steppe. Am Horizont ragen schneebedeckte Berge empor. Der Fahrer wechselt die Kassette. „Lose yourself“, rappt Eminem. Beats lassen die Scheiben des Transporters vibrieren. Aigul steht auf und macht ein paar Dancehall-Moves, alle applaudieren. „This opportunity comes once in a lifetime“, schreit Eminem. „Yo!“, gröhlt der ganze Bus.
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