Unterbesetzung ist ein weiteres Element im inneren Teufelskreis der Entwicklungszusammenarbeit. Der folgende Beitrag schildert Begegnungen mit
- einem Abteilungsleiter der Weltbank
- einem Sachbearbeiter einer EU-Ländervertretung und
- Sachbearbeitern von UNIDO
und fasst zusammen, wie sich Personalkürzungen negativ auf die Qualität der Arbeit auswirken.
Die Weltbank nebenan
„Darf ich fragen, was Sie da machen?“
Mein Sitznachbar beugt sich im Flugzeug zu mir herüber und deutet auf die Unterlagen, die ich gerade lese.
„Natürlich, gern“, antworte ich. „Das sind Aktionspläne von Selbsthilfegruppen, die wir in Sambia betreuen – Handwerker, Kleinunternehmer, Händler.“
„Und die erstellen selbst Aktionspläne?“, fragt er nach.
„Nicht allein. Die Gruppen sind organisiert und werden von unseren Animateurinnen und Animateuren begleitet. Sie helfen dabei, die wichtigsten Herausforderungen zu erkennen, sie zu priorisieren und in konkrete Schritte zu übersetzen. Daraus entstehen Aktionspläne. Unser Team unterstützt bei Behördengängen oder Anträgen – aber die entscheidenden Schritte müssen die Gruppen selbst gehen.“
„Zum Beispiel?“
„Gemeinsam sparen, um Investitionen zu ermöglichen. Recherchieren, welche Ausbildungsangebote es gibt. Kurse beantragen. Kreditkonditionen abklären. Beratungsstellen finden und kontaktieren – solche Dinge.“
Mein Nachbar nickt.
„Interessant. Sehr interessant. So würde ich auch gern arbeiten.“
„Und was machen Sie?“ frage ich nun zurück.
Nach einigem Gefummel in der engen Sitzreihe zieht er seine Visitenkarte hervor. „Small and Medium Enterprise Promotion“, steht darauf. Oben rechts der Globus der Weltbankgruppe.
„Warum arbeiten Sie dann nicht so, also partizipativ?“, frage ich.
Er lächelt müde.
„Weil wir dafür nicht genug Leute haben. Wir haben riesige Fördertöpfe – und nur sehr wenige Fachkräfte. Die Stellen werden weiter gekürzt. Jeder muss ein Dutzend Anträge pro Quartal bearbeiten und anschließend die Mittelabflüsse überwachen.“
Er schlägt dreimal auf die Armlehne.
„Zack, zack, zack. Große Beträge, hoher Druck. Keine Zeit für Feldbesuche. Keine Zeit für Diskussionen. Auch wenn es sinnvoll wäre.“
EU-Ländervertretung: Viel Geld, keine Zeit
Bei der Konzeption neuer Projekte arbeite ich oft mit sehr begrenzten Budgets. Gleichzeitig weiß ich, wie sinnvoll berufliche Bildung wäre – tausende Schulabgänger ohne Perspektive, hoher Bedarf an qualifizierten Fachkräften.
Deshalb suche ich Kooperationen. Programme der EU sind dafür ein naheliegender Partner – häufig mit Budgets in Millionenhöhe.
Ich schreibe eine EU-Vertretung in einem westafrikanischen Land an. Keine Antwort. Ich schreibe erneut. Schließlich eine knappe Mail: Man sehe keine Kooperationsmöglichkeiten. Erst nach mehreren Telefonaten bekomme ich einen Termin.
Der Sachbearbeiter betritt den Raum, sein Handy klingelt. Kaum legt er auf, blinkt bereits die nächste Nachricht. Vor ihm liegen zwei Handys und ein Tablet.
„Also – worum geht es?“
Ich stelle die geplante Maßnahme vor und frage nach Ko-Finanzierungsmöglichkeiten, da laufende EU-Programme genau in denselben Bereichen arbeiten.
„Ich mache es kurz“, sagt er. „Bewerben Sie sich über die üblichen Verfahren auf ausgeschriebene Maßnahmen. Alles steht auf unseren Webseiten.“
„Aber Kooperationen sind doch ausdrücklich in Ihrem Programm vorgesehen“, entgegne ich.
Er reibt sich die Schläfen.
„Wissen Sie, wie viele Personen in meiner Abteilung arbeiten?“
Ich schüttle den Kopf.
„Eine. Ich bin allein.“
Ich schweige.
„Glauben Sie, ich kann zusätzlich noch Kleinmaßnahmen abstimmen? Papierberge für ein paar Maschinen? Endlose Mails? Zollprobleme?“
Ich muss zugeben: „Wohl kaum.“
Er steht auf. Seine Handys melden neue Nachrichten.
„Viel Glück für Ihre Maßnahme.“
UNIDO in Addis: Was ich nicht weiß, macht mir keine Arbeit
Ähnlich ergeht es mir bei UNIDO in Addis Abeba. Zahlreiche Projekte im Bereich Kleingewerbe und Berufsbildung werden dort betreut.
Als ich nach den Fortschritten einzelner Maßnahmen frage, zuckt der Sachbearbeiter die Schultern.
„Wir vergeben nur. Die Umsetzung liegt bei lokalen Organisationen.“
„Und Sie wissen nicht, was aus den Projekten geworden ist?“
„Wäre schön – ist aber nicht leistbar. Ich arbeite faktisch 150 Prozent nur mit Anträgen und Verwaltung. Die Erfolgsmessung macht irgendwann die Evaluierungsabteilung.“
Er steht auf. Das Gespräch ist beendet.
Fazit
Die geschilderten Begegnungen sind keine Ausnahmen – sie sind symptomatisch.
- Immer weniger Personal betreut immer mehr Projekte.
- Projektleiter vor Ort stemmen Sonderinitiativen und Delegationsbesuche zusätzlich.
- Multiländerprogramme erhöhen die Komplexität enorm.
Überall wird über Personalmangel geklagt. Gestresste Fachkräfte haken To-do-Listen ab. Wichtig ist, was schnell erledigt werden kann. Die eigentlichen Ziele der Maßnahmen rücken in den Hintergrund. Und nicht zuletzt überdecken die in den EZ-Büros überall herrschende Überarbeitung und Frustration die „im Feld“ tatsächlich stattfindenden Fortschritte.
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