Damals
Den Korb vor sich steigt Fadia die Stufen empor. Ihr Schnaufen hallt im Treppenhaus, der Wäschekorb knarzt bei jeder Bewegung. Auf dem Treppenabsatz setzt sie ihn ab. „Langsam, mein Herz, langsam.“
Damals war sie ihrer Mutter hierhin gefolgt: eine Hand an ihrem Kleid, die warme Wade darunter, ein Stups vom Korb, wenn sie nicht aufpasste. Ein paar Jährchen später hatte sie ihre Mutter mit leichten Schritten überholt. Stufen wurden locker übersprungen, weitere auf einem Bein hüpfend bezwungen. Den letzten Treppenabsatz ging es im rasenden Stakkato hinauf: „Schau, Walida, ich bin schon oben.“ Das Schnaufen war damals weit unten gewesen, die Ermahnungen, es nicht zu übertreiben, waren zu ihr hochgehallt.
Die Zierkacheln an der Wand heben und senken sich. Sie stützt sich ab, ertastet Blumen und Obstkörbe, Fische springen um die Wette, Kalmare glotzen sie an. Ihre Finger gleiten bis zu den Lücken, wo der Putz die Kacheln nicht mehr halten konnte. Viele waren auf den Holzstufen zerschellt, bis es mehr Lücken als Kacheln gab, grau und rau; sie wischt ihre Finger an ihrer Schürze ab, damit die Wäsche nicht befleckt wird.
Oben auf der Dachterrasse grüßt sie der Himmel mit strahlendem Blau. Er ist noch morgenfrisch, Wolkenfäden verzieren ihn, die Sonne ist um diese Zeit noch gnädig. Fadia greift nach der Schachtel. Als Brahim noch lebte, beherbergten sie seine Zigarillos. Hinter Tabakschwaden hatte er das Tunesien von morgen beschworen: modern, stark, dem Westen gewachsen. Damals, als in Tunis internationale Kongresse stattfanden: Politiker aus aller Welt hatten um die Gunst von Habib gebuhlt, alle Pfeile hatten nach oben gezeigt. Sie wurden emporgetragen: ein guter Verwaltungsjob für Brahim, der Umzug in diese Avenue, ihr Peugeot blitzte in der Sonne.
Fadia schlägt ein Laken aus, Gischt besprüht ihr Gesicht. Die Wäscheleinen biegen sich unter dem Gewicht der Tücher, der Wind nimmt sie in seine Arme und lässt sie schunkeln. Mit Chair und Raid, ihren Geschwistern, hatte sie hier oben mit Laken getanzt, war ihrem Flattern geschickt ausgewichen. „Kinder! Macht die Wäsche nicht dreckig!“. Ihr Lachen als Antwort; Verstecken spielen hinter wogendem Linnen, auf dem Stoff tanzende Schatten verrieten ihren Standort.
Fadia macht eine Pause. Sie geht zum Rand der Dachterrasse und stützt sich auf die Brüstung. Die Palmen haben ihren Glanz verloren; trockene Fiederblätter trotzen den Abgasen. Im Café gegenüber halten sich Arbeitslose an ihrem Tee fest, lesen die Zeitung noch einmal, hoffen auf ein Schwätzchen.
Eine Möwe döst auf einem Balkongeländer. Sie träumt vielleicht von La Goulette. Bei den Fischkuttern lässt sich immer ein Happen finden. Sie schlägt die Augen auf, sieht Fadia. Ein paar Flügelschläge; im weiten Bogen geht es nach oben. Fadia folgt ihrem Flug, bis der Vogel mit dem Himmel verschmilzt. Und mit Brahim, da oben irgendwo.
Sie geht zurück zu den Leinen. Ein halbvoller Korb Wäsche wartet noch auf sie.
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