Tiger Lilly Attack

Die Unterkunft in Arlit: Ein muffiges Loch. Die Sehenswürdigkeit: die Uranmine. Ein futuristisch anmutendes Monster aus verletzter Erde, Arbeiterbaracken und Stacheldrahtumrandung. Ein übellauniger Wachsoldat patrouilliert vor dem Zaun. Er starrt mich misstrauisch an.
„Excusez-moi, il y a un bar par ici ? – Entschuldigung, gibt es hier irgendwo eine Kneipe?“ frage ich ihn.
„Unten im Dorf“, meint er knapp.
Ich gehe die Piste hinunter. Vor der Kneipe stehen Fernlaster. Ich ziehe den Plastikvorhang am Eingang zur Seite. Im hinteren Bereich der Spelunke lungern verwegen aussehende Gestalten herum. Halb rechts vor mir liegt die Bar.
Ich mache einen Schritt auf sie zu. Weiter komme ich nicht, etwas hat sich zwischen meinen Beinen verhakt. Ich verliere das Gleichgewicht, stürze nach vorne, krache gegen einen Hocker und kann mich dann gerade noch so an der Bar festhalten. Aus dem hinteren Eck dröhnt lautes Gelächter.
Bei mir steigt der Blutdruck, ich fahre herum, spanne die Muskeln an und bin zu allem bereit. Aber nicht zu dem hier …
Tiger Lilly steht neben dem Eingang. Ihr Rock ist ultrakurz, das Bein, das sie mir eben noch stellte, ist weit vorgestreckt. Es steckt in Netzstrümpfen, die wohl auch im Moulin Rouge gerne getragen werden. „Salut, Chéri! Hallo mein Liebster!“, meint sie und schenkt mir ein Piranha Lächeln. Das Lachen im Hintergrund erreicht Orkanstärke.
„Zwei Bier, eiskalt, zum Mitnehmen“, knurre ich den Barkeeper an, zahle einen horrenden Aufschlag für das kostbare Leergut und steuere auf den Ausgang zu. Aufmerksam taxiere ich jeden Meter Boden vor mir.
Versprechungen über in Aussicht stehende amouröse Abenteuer der Extraklasse lasse ich unkommentiert.
Die zwei Bier trinke ich in meiner Bude. Es riecht muffig. Die Neonröhre über dem Bett flackert. Eine uralte Klimaanlage dröhnt scheppernd gegen die Hitze an.

Anmerkung:

Der Text stammt aus meiner Zeit als Langzeitexperte in Niger. Die nigrische Regierung hatte angefragt, ob wir neben Niamey, Tahoua, Tillabery und Agadez auch Arlit durch unser Handwerksförderprojekt betreeuen könnten. Nach Besuchen vor Ort und entsprechenden Analysen lehnten wir die Anfrage ab.

Kommentare

2 Kommentare zu „Tiger Lilly Attack“

  1. Yannick

    Man kann richtig die Abneigung, den Ekel und die Freude an anderer Menschen Unglück mitfühlen. Sehr gut geschrieben!

  2. Danke! Es gibt diese trostlosen Durchgangsstädte am Rande der Zivilisation in vielen Ländern. Sie haben was vom Wildem Westen und können verdammt unromantisch sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert