„Vierzehn gut, ein befriedigend“, fasse ich die Tagesauswertung des Workshops zusammen. Kein schlechtes Ergebnis für ein Seminar über Wege in die eigene Selbständigkeit. Aber dem kleinen Ehrgeizling in mir reicht es nicht.
„Warum hat niemand „sehr gut“ angekreuzt?“, frage ich in die Runde.
„Wir haben sehr gute Texte erhalten, wirklich!“, meint eine junge Kirgisin. „Und die Übungen waren super“, ergänzt sie.
„Aber? Was hat gefehlt?“, hake ich nach.
„Singen!“, antwortet sie und lacht. Andere stimmen in das Gelächter ein. „Hier in Kirgistan lieben wir es, zu singen!“
„Okay-hay“, antworte ich gedehnt. Es dauert eine Weile, bis ich die Rückmeldung verdaut habe.
Dann gründen wir eine Arbeitsgruppe für Gesang. Wer zu spät kommt, singt, beschließen wir. Wer soeben Gelerntes nicht wiedergeben kann, auch. Und wer eine außergewöhnlich gute Antwort gibt, darf selbst entscheiden, ob er singen will.
Die nächsten Tage werden zum musikalischsten Workshop, den ich je abgehalten habe. Mal ertönen kirgisische Weisen, dann aktuelle Schlager aus den Charts. Als ich mich selbst verspäte, steuere ich Hannes Waders „Heute hier, morgen dort“, bei. Ich bin der Einzige, der den Text versteht, aber alle summen mit.
Anmerkung:
2003 beriet ich Zivilgesellschaftsentwicklungszentren in Kirgistan bei der Erstellung eines Förderkonzeptes für die betriebswirtschaftliche Betreuung von Kooperativen und Selbsthilfegruppen. Hintergrund hierfür war das kollabierte sowjetrussische System, das zuvor allen Bürgern Tag für Tag angeordnet hatte, was sie zu tun haben. Mal Saatgut aussäen, dann Felder roden oder Straßen sanieren. Auch nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems (ca. 1991) gingen die Menschen an die Straßenkreuzungen und warteten auf die Laster, die ihnen Gerätschaften oder „Inputs“ vorbeibringen sollten.
Erst langsam begann die Regierung, Zivilgesellschaftsentwicklungszentren aufzubauen. Diese hatten die Aufgabe, die vielen neu gegründeten Selbsthilfegruppen zu beraten. Ich trainierte Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Zivilgesellschaftsentwicklungszentren und der Selbsthilfegruppen. Im Vordergrund stand betriebswirtschaftliches Fachwissen, das man bei der Gründung von Kleinunternehmen benötigt.
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