Jesus in Kenia

„Ich brauch ’ne Wohnung“, meint Bernd.

Sahr, der Leiter des Entwicklungshilfebüros, tritt zur Landkarte und deutet auf den Nordwesten – dorthin, wo Kenia ins Nichts verläuft und Sudans Wüsten trockene Grüße schicken.

„Da oben gibt’s keine Wohnungen“, sagt er.

Ein Schatten huscht über Bernds Gesicht. Wie ein großer Teddybär steht er da.
„Und was machen wir jetzt?“

„Jetzt kaufst du, was du brauchst, bringst es hoch und baust dein Ding.“

Bernd nickt langsam. Mit jedem Nicken nimmt seine Vision vom neuen Zuhause Gestalt an. Dann verschwindet er hinter Skizzen, die Einkaufsliste neben sich.

„Let’s go!“, ruft er mir ein paar Tage später zu. Für mich ist es nur ein Lift zu Interviews im Norden Kenias. Für Bernd ist es der Beginn eines dreijährigen Aufforstungsprojekts.

Wir tauchen ein in den Strom rostiger Toyotas und schiefachsliger Matatus – laut wie die Hölle, überladen bis zum Himmel.
Erster Stopp: Nairobi Top Supplies. Kisten voller Schrauben und Leisten krachen vor meinen Sitz; Paneele werden auf die Ladefläche gewuchtet.

„Geht’s?“, fragt Bernd.
„Klar!“, antworte ich, ein Bein auf den Kisten, das andere auf der Konsole. Die Leisten halte ich liebevoll im Arm.

Weiter geht die Schlängeltour. Ein stinkender Schwerlaster wird mit Vollgas überholt. Dann ein Karren: ein ganzer Hausstand wackelt darauf, der Tagelöhner schwitzt sich die Seele aus dem Leib.

Nächster Stopp: Super Trade in Nakuru. Der Händler ist ein rauer Bursche, tiefgefurcht, seine Worte riechen nach Tusker.
Steine krachen auf die Ladefläche, Rohre scheppern hinterher. Tischlerplatten bilden den Deckel, schräg wie eine Laderampe auf dem Holm, der über das Fahrerhaus ragt.
Zementsäcke, Waschbecken, Kloschüssel? – ab ins Führerhaus.

„Ähm, Paul…“, meint Bernd und reibt sich den Bart. „Kannst du hinten drauf?“

Ich klettere auf die Ladefläche, lege mich auf die Tischlerplatten und halte mich mit ausgestreckten Armen am oberen Holm fest.
„Passt!“

Bei Eldoret gibt die Straße auf. Schlaglöcher lassen mich „Engelchen, flieg!“ spielen; mein Rücken brüllt, die Handgelenke senden SOS.

Die Schule ist aus, Kinder rennen unserem Laster hinterher.
„Jesus! Jesus!“, rufen sie begeistert und strecken die Arme aus wie ich.

„Country road, take me home…“, singe ich gegen die übersäuerten Muskeln an.
Eine Mutter sieht mich, biegt sich vor Lachen – eine singende, gekreuzigte Weißnase! „Jesus! Jesus!“, schreien die Kinder, ihre Schuluniformen swingen im Rhythmus der Schritte.

„To the place, I belong…“

Am Straßenrand hat Cool Jay seinen CD-Stand aufgebaut. Highlifemusik schwappt wie ein Tsunami über meinen brüchigen Gesang.
Er grinst – ich grinse zurück.
Ein Schlagloch lässt mein Lächeln entgleisen.

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