Ganz entspannt sitze ich im Sessel. Vor mir dampfender Tee. Hinter den Dampfkringeln Mariama, die Direktorin des nigrischen Nationalmuseums.
„Weißt du, Paul“, wiederholt sie im Minutentakt. Dazwischen erzählt sie von ihrem Kampf um das Museum. Die staatlichen Gelder reichen nicht. Die Tiere, die als Touristenattraktion beherbergt werden, kosten ein Vermögen. Und dann sind da noch die Personalkosten.
Ich verweise auf die neue Fördermaßnahme, die das Ganze schon schaukeln wird. Meine Hand sinkt neben dem Sessel zu Boden. Sie berührt Fell. Etwas schleckt an meinen Fingern. Die Hand schnellt nach oben, der Blick geht nach unten: Mich haut es fast vom Sessel! Ein Löwenjunges schaut mich aus den schönsten Augen der Welt an. Der Kopf ist schiefgelegt, die Stupsnase wittert. Adora heißt dieses Knuddelding, erklärt Mariama. Schnurrhaare kitzeln meinen Arm. Ich werde getatzt, beschmatzt und sanft gebissen.
„Wie gehts Adora?“, frage ich nun immer Issou, den Tierpfleger. Ein Buschtaxi hatte Issou einst ausgespuckt. Die Stadt hatte ihn nicht gemocht und in den Staub geschubst. Vom weiten Himmel über sich und von Almosen hatte er gelebt. Bis Mariama vorbeikam.
Ob er mit Tieren umgehen könne. „Oui, Patron.“
Ob ein Taschengeld okay wäre. „Oui, Patron.“
So wurde Issou Tierwächter und ich erhielt meine Adora-Connection. Fotoshooting mit meinem Schatz? Kein Problem. Issou hält sie im Arm. Löwenaugen hypnotisieren die Kamera. Spitzohren speichern jedes Klicken.
„Weißt du, Youssou“, meint Mariama ein paar Monate später. Er hört zu und Mariama hat Glück. Denn Youssou heißt mit Nachnamen N‘Dour. Er stürmt gerade die Hitparaden. Und er will mit einem Benefizkonzert im gegenüberliegenden Kulturzentrum dem Museum helfen.
Am Konzertabend liegen Issou und leere Bierflaschen vor Adoras Käfig. Der Himmel über ihm ruht sich aus. Issou ist bereit für den freien Fall in die Nacht. Plötzlich hört er Musik, laut und mitreißend. Da muss er hin! Und Adora kommt mit, ist doch klar! Nur mit Mühe kann er sie hochheben; schwankend zieht er los.
„Boule ma sene“, singt Youssou. Füße stampfen, Hüften schwingen, die Echos der Trommeln spielen Pingpong mit den weißen Wänden. Ich gönne mir einen Drink in der Buvette. Plötzlich höre ich Schreie. Der Pulk vor der Bühne spritzt auseinander. Youssou verstummt.
Und da kommt sie. Adora fegt heran, die Augen weit aufgerissen. Pure Angst in einem Meer von Angst. Sie starrt mich an. Ich starre sie an. „Mein Gott, bist du groß geworden“, flirrt ein verirrter Gedanke durch meinen Sinn. Und ich sollte rennen, oder? Schreien, oder? Aber ich bleibe ruhig. Es ist schließlich meine Adora.
Sie hat keine Zeit für „Weißt du noch“. Mit einem Satz ist sie verschwunden. Dann taucht Issou auf, schwankend, mit drei Zahn-Grinsen. Er kriegt Adora zu fassen und trägt sie weg. Youssou spielt weiter. Die Menge beruhigt sich.
Ich sitze da und lasse ganz entspannt meinen Arm sinken. Erinnerungsfinger tasten nach Fell, wollen getatzt werden.
Anmerkung des Autors
1991 bis 1993 leitete ich die Zweigstelle eines Handwerksförderprojekts in Niger. Unter dem Einsatz des Aktionsforschungsansatzes wurden Handwerksgruppen dazu animiert, ihre Probleme selbst zu analysieren, Lösungen zu identifizieren und dann umzusetzen. Ein Team von 14 Animateuren und Animatrices half ihnen dabei.
Gleichzeitig wurde bei der zu der damaligen Zeit nur auf Großbetriebe ausgerichteten Industrie- und Handelskammer eine Abteilung für Kleingewerbe und Handwerk aufgebaut. Als ich den Niger einige Jahre später wieder besuchte, existierte diese Abteilung noch und unterstützte kleine Unternehmer und Unternehmerinnen bei der Verbesserung ihrer Betriebe.
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