Es gibt keine Entwicklungszusammenarbeit ohne diesen Begriff. Im Studium begegnete ich Armut in Theorien: Geo-Determinismus behandelt die geographische Lage, die Armut bedingt. Theorien der sozialen Ungleichheit betonen den ungerechten Zugang zu Ressourcen. Deprivationstheorien fokussieren sich auf das schmerzhaft empfundene Gefühl der Benachteiligung und des Ausgeschlossenseins. Und natürlich gibt es auch andere Determinanten: Geschlecht und Herkunft, Bildung und Politik. Die Abhandlungen darüber könnten eine ganze Bibliothek füllen.
Ich bin in Addis Abeba. Tafari, ein lokaler Projektmitarbeiter, ist gerade aus dem Auto ausgestiegen. Er holt vor unserer Reise nach Amhara noch Wasser. Wie so häufig habe ich meine Ledermappe auf dem Schoß. Ich notiere mir Fragen, die ich den Leitern der neu gegründeten regionalen Zentren für die Unterstützung von Handwerkern und Kleinunternehmern stellen will. Plötzlich wird der Geländewagen von einem Schlag erschüttert. Die Ledermappe entgleitet mir. Der Kugelschreiber fällt zu Boden.
Ein Mann ist gegen die Scheibe geprallt. Obwohl es ruhig in einer Parkbucht steht. Sein Gewand ist zerrissen. Nur an manchen Stellen ist seine nackte Haut bedeckt. Eine Hand ruht auf der Windschutzscheibe, die andere auf dem Seitenfenster, wenige Zentimeter von mir entfernt. Seine Augen sind weit aufgerissen. Er starrt mich an. Mein Herz schlägt schneller, ich erstarre. Der Moment dehnt sich aus, wird zu einer Ewigkeit.
Bis Tafari, ein lokaler Mitarbeiter, beim Auto ankommt. Er spricht mit dem Mann. Löst vorsichtig seine Hände von der Scheibe. Die weit aufgerissenen Augen des Mannes starren mich noch immer an. Tafari begleitet den Bettler zu einer schattigen Stelle und gibt ihm ein paar Münzen. Eine Wasserflasche bleibt bei ihm. Nun kann ich seine Augen nicht mehr sehen. Aber sie starren mich immer noch an.
In der täglichen Arbeit der Projektfortschrittskontrollen und Evaluierungen wird Armut mit Indikatoren gemessen. Das Millenium-Entwicklungsziel 1 macht klare Vorgaben. Es gibt zudem den Index der menschlichen Entwicklung, den Human Development Index, kurz HDI. Er erfasst die Lebenserwartung, das Bildungsniveau und das Pro-Kopf-Einkommen. Aus diesen Einzelindikatoren lassen sich Ranglisten erstellen. Wie bei einer Fußballtabelle. Pfeile illustrieren die aktuelle Entwicklung: Grün und nach oben weisend, wenn der Wert nach oben weist. Schwarz-weiß und waagerecht, wenn sich nichts verändert hat. Rot und nach unten weisend, wenn das Land ein paar Plätze nach oben gerutscht ist. Vielleicht sogar ein paar europäische Länder hinter sich gelassen hat. In manchen Organisationen werden solche Charts ausgehängt. Tabellen geben einem das Gefühl, dass etwas messbar und beeinflussbar ist. Kurvendiagramme können Mut machen, vor allem, wenn sie nach oben weisen.
Ich bin in Sambia. Die ganze Woche habe ich mit den Stone-Crushern zusammengearbeitet. Ihre Arbeit besteht aus dem Zerkleinern von Felsen und Steinen. Männer zerschlagen die großen Brocken mit Vorschlaghämmern. Frauen tragen die zertrümmerten Steine zum Straßenrand und schichten sie zu gut sichtbaren Haufen auf. Manchmal kommt ein Lastwagen von einer Baufirma vorbei und kauft ein paar Haufen. Manchmal. Aber zu selten. Wie immer bei dem von uns genutzten partizipativen Ansatz wollen wir mit den Betroffenen nach Lösungen suchen.
„Was ist eure Vision von einer besseren Zukunft?“, habe ich am Anfang gefragt.
„Nicht mehr Stone-Crusher sein“, hat eine Frau geantwortet.
Nun ist es Sonntag. Die Hämmer ruhen. Viele Frauen sitzen im Schatten. Einfach so. Eine feste Bleibe haben sie nicht. Die Stone-Crusher ziehen mit den Baustellen mit. Vor allem mit denen weit draußen, im Niemandsland, dort, wo keine Maschinen ihnen Konkurrenz machen können. Ein paar Männer liegen auf der Erde. Ein paar haben ihr T-Shirt ausgezogen. Ab und an stimmt einer ein Lied an. Lallend. Der selbst gebraute Schnaps ist stark und unberechenbar.
Ich fühle mich leer. Ausgebrannt. Ohne Ansatz.
„Dark is the colour, none is the number – schwarz ist die Farbe, nichts ist die Nummer”, fällt mir eine Zeile von Bob Dylan ein.
Ich zermartere mir den Kopf. Suche in meinem Inneren nach Möglichkeiten. Subsistenzwirtschaft, vielleicht. Einfach irgendetwas anbauen, was die Familie ernähren kann.
Aber hier draußen ist es zu trocken.
Ein anderes Kleingewerbe erlernen. Vielleicht einen originellen Artikel herstellen. Oder etwas reparieren lernen. Handys zum Beispiel, das geht in anderen Ländern.
Aber hier draußen kommen kaum Leute vorbei.
Einer der Männer steht auf. Sein rechter Arm schwingt wild durch die Luft. Er krakelt die Strophe eines Lieds, dann geht seine Stimme in Lallen über. Er torkelt und fällt hin. Bleibt einfach auf dem Rücken liegen.
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