Unten am Fluss, ganz in der Nähe der großen Brücke, liegt der berüchtigtste Kreisel von Niamey.
Bis zum 20. jeden Monats geht alles noch. Die mit deutschen Geldern ausgebildeten Verkehrspolizisten lassen die kleinen Fische in Ruhe. In ihren martialischen Uniformen lehnen sie lässig an den importierten BMW-Motorrädern und warten auf große Beute – vor allem auf Laster aus anderen Ländern, die über die Brücke fahren und dann weiter nach Benin, Togo oder Nigeria. Manche auch nach Ghana oder in die Elfenbeinküste.
An den alten Brummern gibt es immer etwas zu beanstanden: mal die Bremsen, dann das Rücklicht. Mal der Achsstand, dann der Zustand der Reifen. Oder die Papiere. Immer wieder stehen sie am Straßenrand und werden penibel durchsucht – bis man eine Lösung für die anstehenden Strafgelder findet. Nicht selten informell.
Heute ist der 25. April. Die Gehälter der erbärmlich niedrig bezahlten Verkehrspolizisten sind längst aufgebraucht. Jetzt ist die Zeit gekommen, auch die kleinen Fische ins Visier zu nehmen.
Ich nähere mich mit meinem Land Cruiser. Angespannt starre ich auf den Tacho: 48 Kilometer pro Stunde. Alles nach Vorschrift. Vor dem Haltestreifen am Kreisel fahre ich besonders langsam, bremse vorbildlich ab, bis der Wagen vollständig zum Stehen kommt. Ich setze den Blinker. Wie in den Verkehrslehrfilmen „Der siebte Sinn“ schaue ich brav nach rechts und dann nach links. Erst als der Kreisel völlig leer ist, ordne ich mich langsam in den Verkehr ein.
„WIIIEEEPPP! WIIIEEEPPP! WIIIEEEPPP!“
Die Trillerpfeife des Verkehrspolizisten – vermutlich mit deutschen Steuergeldern bezahlt – zerreißt mein Trommelfell. Mit einem energischen Taktstocksignal befiehlt er mir, an den Straßenrand zu fahren.
« Vous n’avez pas complètement immobilisé votre véhicule avant le rond-point. »
– „Sie haben Ihr Fahrzeug vor dem Kreisel nicht vollständig zum Stillstand gebracht“, erklärt der Polizist. „Ich muss Ihre Papiere einziehen. Die Strafe zahlen Sie auf dem Revier.“
„Mais… aber“, antworte ich erregt und schildere in meinem noch ausbaufähigen Französisch meine geradezu vorbildliche Heranfahrweise an den Kreisel.
„Ähm – wollen Sie damit sagen, dass ein Beamter des nigrischen Staates lügt?“
AUTSCH! Die Falle ist gestellt. In Sekundenschnelle verwandelt sich das noch zu verkraftende Strafgeld für ein Verkehrsdelikt in eine Verleumdungsklage. Es gilt einzulenken.
Ob man nicht eine andere Lösung finden könne, rege ich vorsichtig an. Wenig später wechseln ein paar Scheine den Besitzer. Dann noch einer – war so gewünscht.
Ein Jahr später habe ich ein ganzes Set von Visitenkarten angesammelt. Darunter die des Generalsekretärs der IHK des Niger – ein big shot, dem man den Aufstieg ins Parlament prognostiziert. Wieder nähere ich mich gegen Monatsende und mache alles richtig, was man nur richtig machen kann.
„WIIIEEEPPP! WIIIEEEPPP! WIIIEEEPPP!“
Wieder zerreißt die Trillerpfeife des Verkehrspolizisten mein Trommelfell. Wieder muss ich an den Straßenrand fahren. Erneut belehrt mich der Beamte über mein vermeintliches Vergehen.
„Einen schönen guten Tag wünsche ich“, sage ich. „Wir kennen uns ja bereits. Wie geht es Ihnen?“
„Gut… gut“, meint der Herr im Helm verunsichert.
„Und der Familie? Den Kindern?“
„Ähm, ja, gut… woher kennen wir uns?“ Er hantiert nervös an seiner Sonnenbrille.
„Ah, Sie erinnern sich nicht? Ich arbeite da oben – direkt für den Generalsekretär der IHK“, behaupte ich und deute auf das nur ein paar Hundert Meter entfernte Gebäude. Ich ziehe ein Lederetui hervor und blättere durch die Visitenkarten. Die Logos einiger Banken und Ministerien sind deutlich zu erkennen.
„Ah, da ist sie ja“, sage ich und zeige ihm die Karte des Generalsekretärs. „Sie können meinen Chef gern direkt anrufen. Er regelt solche Dinge lieber selbst, wissen Sie?“
Mister Muy Macho starrt auf die Karte. Er lüftet kurz seinen Helm, setzt ihn wieder auf. Auch die Sonnenbrille wird noch einmal zurechtgerückt. Dann ist der kleine Fisch abgeschrieben.
„Bonne route – gute Fahrt“, meint er knapp. Ein dünnes Lächeln steigt kurz auf, stürzt dann aber schnell wieder ab.
„Encore toutes nos félicitations ! Et nos salutations à toute la famille. – Alles Gute noch einmal für Sie! Und Grüße an die Familie“, antworte ich zuckersüß und fahre weiter.
Aus dem Radio erklingen fröhliche westafrikanische Rhythmen. Die Sonne lächelt mir direkt ins Gesicht.
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