(Teil 2 der Erzählungen über den Besuch eines Agrarforschungsprojekts in Kakamega Forest, einem Regenwald im Westen Kenias).
Nach ein paar Stunden Fußmarsch erreiche ich das Forsthaus. Andere sehen darin nur einen schlichten Flachbau – unten Stein, oben Holz. Ich aber sehe einen Palast. Das Dach über der Veranda wirkt wie eine schützende Hand; die rötlich schimmernde Innenverkleidung sendet Wellen der Geborgenheit aus.
Im ansonsten leeren Nebenraum meines Zimmers thront eine uralte gusseiserne Badewanne auf Krähenfüßen.
„Ninaweza kupasha moto maji na kuyaleta juu – ich kann Wasser heiß machen und hochbringen“, meint der Wachmann. Sein breites Zahnlückenlächeln lässt keinen Zweifel: Ein kleines Dankeschön wäre willkommen.
„Pamoja – zusammen“, schlage ich vor. Das bezieht sich auf die Vorbereitung, nicht auf das Bad selbst. Wir heizen den Bottich im Erdgeschoss tüchtig ein und schleppen Eimer um Eimer zur Wanne. Im heißen Wasser fällt die Anspannung der Urwaldwanderung von mir ab. Sanfte Wellen streicheln meinen müden Rücken.
Nach dem Bad setze ich mich auf die Veranda. Aus meinem Reisekocher steigen Teeschwaden auf. Plötzlich platzt der Himmel! Tonnen von Wasser prasseln herab, das Dach dröhnt unter den Kaskaden. Der Tropenwald vor mir verschwindet hinter einer undurchdringlichen Wasserwand.
Ebenso abrupt, wie er begonnen hat, endet der Regen wieder. In den Bäumen vor der Veranda tauchen Affen aus ihren Verstecken auf und feiern die Rückkehr ins trockene Leben. Vielleicht will einer Madam Monkey beeindrucken – jedenfalls überbieten sich die Männchen gegenseitig mit Kunststücken:
Salto mit perfekter Landung am Ast? Bitteschön!
Flic-Flac über Äste hinweg? Schon unterwegs!
Ein Drehsprung – oje, Landung ein paar Stockwerke tiefer. Egal: Schütteln, weiter geht’s.
Affengekreische mischt sich mit dem Jubel tropischer Vögel. Ich halte meine dampfende Tasse fest; der heiße Tee wärmt meinen Bauch. Wasserdampf tanzt Figuren an die Luft, bunte Vögel steigen daraus empor und zetern ihre Lebensfreude in die Welt.
Mir fehlt nichts in diesem Moment. Ich weite mich, umarme das grüne Meer vor mir, fliege mit den Hornvögeln und Papageien, werde tropischer Wasserdampf und weiter Himmel. Alles ist gut.
Nach einer kleinen Ewigkeit meldet sich mein Bauch mit leisem Gurgeln. Einen Keks habe ich noch. Meine knuspernden Kaugeräusche holen mich ins Jetzt zurück.
„No catering – keine Verpflegung“, hatte am Eingang gestanden. Nachdenklich schlucke ich den letzten Bissen hinunter.
„Mehr!“, meint mein Magen und unterstreicht seine Forderung mit lautem Knurren. Eben noch wunschlos glücklich, bin ich nun ein bedürftiges Mangelwesen. Die zentralen Fragen alles organischen Lebens stehen plötzlich vor mir:
Gibt es hier etwas zu essen? Und wenn ja – wo? Und was?
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