Die Würde des Menschen

Auf dem Marché Rood-Woko ist die Hölle los!

„Veneza, veneza! C’est moins cher!“, ruft ein Gebrauchtkleidungshändler und hält mir ein muffig riechendes Hemd direkt vor die Nase. „Yougou-yougou, cinq cents francs!“, überbietet ihn ein anderer, zupft an meinem Hemd und will mich zu seinem Stand ziehen. „Yaa mii! Yaa yõodo!“, ruft ein Fischhändler und preist ein metergroßes Stück Trockenfisch als ultimatives Schnäppchen an.

Ich lehne dankend ab und ziehe weiter. Obststände biegen sich unter Bergen von Mangos und Papayas. Überreife Bananen locken Schwärme von Fruchtfliegen an, die in einem irrsinnigen Tanz um die braungelben Früchte wirbeln. Ein paar Schritte weiter liegen Yamsknollen auf ausgebreiteten Pappkartons. Attiéké, gedämpfte Maniokgrießkörner, lagert in aufgeschnittenen Konservendosen.

Alle winken und schreien. Alle wollen mich zum Kaufen animieren. Beim zehnten Stand klingeln mir die Ohren. Beim zwanzigsten scheint der Markt unter mir zu schwanken wie ein Boot. Die wild gestikulierenden Hände haben sich von ihren Körpern gelöst, aus Gesichtern sind Fratzen geworden. Ich fühle mich als Teil eines vibrierenden Strudels, der mich zu verschlingen droht.

Eine Oase muss her!

Ich fliehe über die an den Markt angrenzende Straße. Hunderte knatternde Mopeds umschwirren mich. In halsbrecherischen Manövern weichen sie Passanten und Fahrrädern aus. Ein Außenspiegel streift meinen Arm. „Pardon!“, ruft der Fahrer. Ein Stück weiter peitscht mir ein zerschlissener Korb gegen die Hand. „Pardon!“, heißt es wieder. Der chinesische Roller macht einen Satz, als er sich mit Vollgas aus einem Schlagloch befreit.

Als sich vor mir eine Lücke auftut, sprinte ich auf die andere Straßenseite und erreiche die Boutiquen am Rand des Marktes. Ich schlüpfe durch den Plastikvorhang eines Stoffgeschäfts.

„Bienvenue – willkommen!“, sagt der Besitzer, ein Burkinabè in einem hellen Boubou. Die kostbaren Verzierungen seines Gewands zeugen davon, dass er gute Geschäfte macht. Seine höfliche, zurückhaltende Art verrät, dass er im Umgang mit gestressten Ausländern Erfahrung hat.

Dicke Schaufensterscheiben schirmen mich vom Straßenlärm ab. Mit Stoffballen bepackte Tische bilden einen Schutzwall gegen die Bedrohungen der Außenwelt. Hier beruhigen symmetrische Streifen und dunkle Farben meine überreizten Nerven. Dort künden bunte Batikstoffe von der Wiederentdeckung afrikanischer Traditionen.

Auf einem Stoffballen ist ein brüllender Löwe vor dunklem Hintergrund abgebildet. Er steht für Macht, Stärke und Mut – Tugenden, die ich gerade gut gebrauchen kann. Mit tiefen Atemzügen fahre ich mein System herunter. Meine Finger gleiten über die Mähne des Königs der Savanne, die sich anfühlt wie eine Wachsschicht.

Aus den Augenwinkeln nehme ich eine Bewegung wahr. Ich schaue auf: Ein halbnackter Mann hat den Laden betreten. Mit einer Hand hält er ein Laken fest, das ihm als einzige Kleidung dient. In seinen Augen spiegelt sich ein verwirrter Geist. Er murmelt vor sich hin, während er sich mir langsam nähert. Sein Tuch verrutscht. Nun steht er fast nackt vor mir. Stürme in den Augen, die Haut seltsam fleckig, übersät mit Sand und Schürfwunden. Sein klagendes Murmeln wird lauter.

Ich verstehe ihn nicht und verstehe ihn doch. Um das, was fehlt, geht es wohl. Um ein abgestürztes Leben. Um Hunger und Durst, fehlende Worte, fehlende Nähe. Um Nächte auf Pappkarton: den harten Boden unter sich, die Sterne über sich als einzigen Trost.

Meine Finger tasten über den Löwen. Doch sein Brüllen ist erstarrt. Auch er kann mir nicht helfen. Wieder spricht der Fremde mich an. Jetzt ist er nur noch eine Armlänge entfernt.

Hinter mir höre ich Schritte. Der Besitzer des Ladens geht an mir vorbei und nickt mir kurz zu. „I ni tile“, grüßt er den Fremden, greift nach seiner Hand und führt ihn ein Stück von mir weg. „A ka ni“ – es ist gut, höre ich dann wieder und wieder, während der Fremde sein Leid klagt.

Der Besitzer verschwindet kurz in seinen Büroräumen. Wenig später kehrt er mit einem Glas Wasser zurück und reicht es dem Fremden. Gierig trinkt der Mann das Glas leer. Ein paar Tropfen landen auf dem Tuch, andere auf seiner nackten Haut.

„Anitche – danke“, sagt er und gibt das Glas zurück. Der Besitzer stellt es auf einer Tischkante ab.

Dann legt er dem Fremden eine Hand auf die Schulter und geleitet ihn vorsichtig zum Ausgang. Der Plastikvorhang teilt sich erneut, und der Mann tritt nach draußen. Durch das Schaufenster sehe ich, wie er langsam in Richtung Markt geht. Eine Hand hält sein Tuch fest, seine Lippen bewegen sich.

„Hiervon bitte drei Meter“, sage ich ein paar Minuten später zum Verkäufer und deute auf den Stoff mit dem Löwen. Als zentrales Motiv einer Tischdecke wird er mich noch Jahre an diese Begegnung erinnern.

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