Café ohne Kaffee

„Kahawa tafadhali!“, bestelle ich mit knarziger Stimme einen Kaffee.
Die unruhige Nacht im Hoteli steckt mir in den Knochen. Eine Vogelspinne hatte an der gegenüberliegenden Wand gesessen. Sie zu ignorieren hatte ich nicht geschafft, sie zu erschlagen nicht gewollt. So habe ich die Nacht halb wach verbracht.

„Kein Kaffee, nur Tee!“, meint die junge Frau hinter dem brüchigen Tisch. Wie alt sie wohl ist? Vierzehn vielleicht. Korkenzieherlocken stehen wie Antennen von ihrem Kopf ab. „Warum muss ich morgens um sieben in einer Bretterbude Frühstück verkaufen?“, senden diese Antennen Protestsignale aus. Sie werden vom Lärm der Laster übertönt, die auf ihrem Weg von Nairobi nach Eldoret vorbeidonnern. Ein Papiersammler schiebt seinen Karren am Straßenrand entlang. Die Achsen quietschen, bei jedem Schlagloch schwankt die Papierladung hin und her.

„Da vorne gibt es Kaffeepulver!“, sage ich und deute auf eine alte Frau, die auf einem ausgebreiteten Tuch Bonbons, Kekse und Bananen feilbietet – und Instantkaffee-Portionspackungen, ich sehe sie ganz deutlich.

„Oke“, steht in Silberpailletten auf dem rosa T-Shirt meiner Bedienung. In den Bund ihrer Jeans hat Oke ein Geschirrtuch geklemmt. Sie greift nach einer Zange und schiebt eine mit Wasser gefüllte Konservendose aufs Feuer; Dampfschwaden wabern empor.

„Kein Geld!“, meint sie und deutet auf die aufgeklappte Zigarrenkiste vor ihr.

„Ich könnte was vorlegen“, schlage ich vor. „Dann ist Geld zum Kaffeekaufen da.“

Sie verzieht den Mund, schiebt verunsichert die Konservendose hin und her. „Kein Kaffee! Nur Tee!“, meint sie dann; es klingt fast trotzig. Die Gründe für ihre Entscheidung wabern irgendwo im Wasserdampf.

Ich lenke ein und bestelle Tee mit Butterbrot. Oke nimmt eine Baguettehälfte und bestreicht sie mit Butter. Mit der Zange packt sie die Konservendose und kippt Wasser in ein Glas. „Wait!“, sagt sie, als ich ihr einen 1000-Schilling-Schein gebe, und zieht los, um Geld zu wechseln.

Ich setze mich auf einen Schemel. Ein Matatu rumpelt vorbei. Dieselschwaden hüllen mich ein; aus den Lautsprechern feuert Gangsta-Rap. Ich nippe am Tee. Er schmeckt nach Konservendose.

Oke kommt zurück und wirft mein Wechselgeld hin. Ich zähle nach – sie hat mir zu viel gegeben. Stammelnd erkläre ich es ihr. Meine Hände bauen Brücken zwischen Englisch und Suaheli; ich gebe ihr das Geld zurück.

Sie schüttelt sich, als wolle sie quälende Gedanken abschütteln. Klar, rechnen und schreiben können wäre gut, sie weiß es. Dann wäre vielleicht ein Job in einem kühlen Büro drin. Mit Bluse und Eyeliner, Nagellack und Deo. Aber sie hat wenigstens diesen Job und kommt damit über die Runden. Von schlauem Gerede kann sie sich nichts kaufen. Genervt schnappt sie sich eine weitere Baguettehälfte und drischt Butter in die Brotkrume.

Den Tee lasse ich stehen. Das Butterbaguette nehme ich mit. Vorne an der Kurve stellt ein junger Mann eine Holzbank auf den Bürgersteig. Vielleicht gibt es dort Kaffee.

Anmerkung des Autors

Als Stipendiat führte ich in Kenia Interviews mit Ingenieuren und technischen Fachkräften durch, die in Deutschland fortgebildet worden waren. Nach ihrer Rückkehr hatten die Ausbildungsorganisationen den Kontakt zu ihnen verloren. Man beauftragte mich daher, den beruflichen Werdegang der kenianischen Fachkräfte nachzuverfolgen und zu prüfen, inwieweit das in Deutschland erworbene Wissen in der Praxis Anwendung fand.

In einer Zeit ohne Internet, E-Mail und Mobiltelefone war das eine enorme Herausforderung. Immerhin gelang es mir, die Arbeitsstellen von 64 der insgesamt 100 Fachkräfte ausfindig zu machen und sie vor Ort zu besuchen. Dazu musste ich in die entlegensten Winkel des Landes reisen – mit einem Budget, das selbst ein erfahrener Traveller als äußerst knapp bezeichnet hätte. Ich fuhr in den billigsten Verkehrsmitteln, übernachtete in den einfachsten Unterkünften und aß, was man am Straßenrand bekommen konnte.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie in a nutshell:

Das in Deutschland erworbene Fachwissen kam nur dann – teilweise sehr wirkungsvoll – zur Anwendung, wenn die fortgebildeten kenianischen Fachkräfte selbst Leitungspositionen innehatten und Innovationen anordnen konnten.

Die auf kenianischer Seite ausgewählten Stipendiaten waren nicht immer die besten Fachkräfte, sondern häufig Verwandte von Personen, die Einfluss auf das Auswahlverfahren hatten.

Viele Vorgesetzte empfanden es als Affront, wenn Untergebene Vorschläge zur Verbesserung von Arbeitsabläufen machten.

Die Ergebnisse der Studie wurden dankend aufgenommen und hatten Einfluss auf die Gestaltung der Ausbildungsgänge für afrikanische Fachkräfte.

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