„Spinnst du?“, fragt meine innere Stimme. Von acht bis sechs habe ich mir Berufsbildungsdaten reingeballert. Ich sauge Informationen auf, meine Finger fliegen über die Computertasten. Jetzt zucken die Augen, digitale Wespen stechen in meine Schläfen. „Raus!“, brüllt meine Seele. Ich lasse alles stehen, nehme zwei Stufen auf einmal. Ein Stuhl im Wohnzimmer kriegt en passant eine mit. Juhu – die Eingangstür fliegt zu, BUM!
„Ya goin’ out?“, fragt Tom, der Wachmann. Er ist für die Sicherheit des Sunshine Resorts in Uptown Kingston zuständig.
„Yo, man.“
„You sure?“, hakt er noch mal nach. Tausend Morde gab es letztes Jahr – Platz zwei weltweit.
„Just for an evening stroll“, antworte ich. Das Tor hinter mir rastet ins Schloss. Ich laufe einfach los – raus aus den Excel-Sheets, hin zum Leben. Mein Datenerfassungsmodus läuft noch. Ich zähle die Bananenstauden (5), Kokospalmen (7) und mit Natodrahtlocken gastfeindlich verzierte Eisenzäune (10).
Schatten schieben die letzten Abendsonnenflecken von der Straße. Die Zeit der Straßenhunde ist gekommen. „Mein Revier!“, knurrt einer und versperrt mir den Weg. Gefletschte Zähne und blutverkrustete Ohren bezeugen seine Kämpfernatur. Ich werfe einen Stein in seine Richtung; geduckt zieht er Leine. Es geht weiter bergab. Unter einem Akee-Baum steht ein Fassgrill, Rauch quillt aus dem Schlot.
„What ya doin’ here, white man?“, fragt der Rasta misstrauisch, als ich mich nähere. Sklavenschiffe tauchen am Horizont auf, weiße Geschäftshaie folgen ihnen. Weiß – das ist Korruption, weiß – das ist Babylon. Rastamann beamt die Botschaft rüber.
„Boak, boak“, imitiere ich Hühnergackern und deute auf das Fass. Mein Grillmeister grinst. Ein gackernder Weißer ist mal was Neues, und Kunden sind Kurzzeit-Könige. Ich setze mich und spendiere Red Stripe. „Plopp!“ – Kronkorken kreiseln, Bier fließt durstige Kehlen hinunter.
Neben dem Imbiss halten sich Baracken aneinander fest; aus einem Rinnsal ragt Müll. Männer in Muscle-Shirts lummern herum. Eine Frau nimmt Wäsche ab, schimpfend verschwindet sie im Inneren ihrer Hütte.
Warum ich in Jamaika sei, will Dreadlock wissen. Ich erzähle: Berufsbildungssystem reformieren, mehr junge Menschen in Ausbildung bringen, bessere Ausbildung anbieten.
„Good man, good“, meint er. „Good jobs, no crime.“
Er dreht sich einen Spliff. Die erste Rauchwolke heißt Ganja, die zweite Weed – sie tanzen Walzer. Jerky grinst mich von einer anderen Milchstraße aus an. Ich atme den Rauch ein; das reicht für eine Mondreise. Irgendwo da oben begegnen wir uns, Red Stripe-Shuttles schweben vorbei. Die Sklaven haben Urlaub, weiß und schwarz verschwimmt – it’s jerky easy living time.
„Take away?“
„Yeah, man.“ Es ist stockdunkel – ist wohl besser so. Die Räucherschenkel kommen ins Alu-Paket; mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Rasta stoppt ein Taxi, und ab geht’s zum Sunshine Resort.
„You’re fine?“, fragt Tom.
„Totally“, antworte ich. Mein Gaumen fiebert schon dem Hühnchen entgegen.
Schreibe einen Kommentar