Warum klappt das denn alles nicht?

Teil 1: Klappt das wirklich alles nicht?

Folgende Frage taucht verlässlich auf, sobald über Entwicklungszusammenarbeit gesprochen wird:
„Warum funktioniert das alles nicht? Wir investieren doch seit Jahrzehnten so viel Geld!“

Als Antwort darauf möchte ich eine Reihe provokativ formulierter Essays veröffentlichen – in der Hoffnung auf engagierte Diskussionen.


Teil 1: Klappt das wirklich alles nicht?

Fallbeispiel Indien

In den 1970er-Jahren stand Indien im Zentrum der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Für die USA, die UdSSR, Großbritannien, die Bundesrepublik Deutschland und die Weltbank galt das Land als absolutes Prioritätsgebiet. Jährlich flossen zwischen 1,2 und 1,8 Milliarden US-Dollar an offizieller Entwicklungshilfe nach Indien.

Auch im medialen Diskurs war Indien allgegenwärtig. Als Jugendlicher wurde ich überhäuft mit Berichten über Hungersnöte, Versorgungskrisen, Überbevölkerung und ökologische Katastrophen. Entwicklungshilfeprojekte galten damals vor allem als sinnvolle Instrumente des Technik- und Wissenstransfers.

Und heute?

Indien kann heute ohne Übertreibung als „Mittel- bis Großmacht im Aufstieg“ bezeichnet werden. Die Wirtschaft des Landes mit rund 1,5 Milliarden Einwohnern gehört zu den größten der Welt. Neue Unternehmen sind international äußerst erfolgreich – und laut der Forbes-Liste 2025 rangiert Indien mit 205 Milliardären weltweit auf Platz drei. Jährlich verlassen rund 1,5 Millionen Ingenieurinnen und Ingenieure die Hochschulen – ein globaler Spitzenwert.

Natürlich ist Indien weiterhin ein vielschichtiges Land, und nicht alle profitieren vom Wirtschaftsboom. Während eines Einsatzes in Ostindien 2014 erlebte ich nach wie vor deutliche Armut. Und doch sind die Fortschritte enorm:

  • Extreme Armut sank zwischen 2012 und 2022 von 16,2 % auf 2,3 % – über 250 bis 270 Millionen Menschen überschritten in diesem Zeitraum die Armutsgrenze von 2,15 USD pro Tag.
  • Auch beim Schwellenwert von 3 USD pro Tag fiel die Armut im gleichen Zeitraum von 27,1 % auf 5,3 %.

Meine Fragen:

  • Warum berichten Medien so selten über diese beeindruckenden Fortschritte?
  • Warum wird kaum erwähnt, welchen Anteil entwicklungspolitische Arbeit an diesen Entwicklungen hatte?

Blick auf Afrika: Berichten wir über das Falsche?

Heute richtet sich die pessimistische Berichterstattung fast ausschließlich auf Afrika. Dabei stehen Krisenregionen im Vordergrund:
der Sudan, in dem die Hälfte der Bevölkerung humanitäre Hilfe benötigt;
der Osten der DR Kongo, wo etwa 25 Millionen Menschen von Hunger und Gewalt bedroht sind; die durch Terror erschütterte Sahelzone.

Doch spiegelt das den gesamten Kontinent wider? Ist ganz Afrika ein von Korruption, Konflikten und Misswirtschaft gezeichneter Krisenraum?

Bei weitem nicht.


Fallbeispiel Ruanda

Als ich 1998 – drei Jahre nach dem Genozid – eine Evaluierung durchführte, lag das Land in Trümmern. Bis zu eine Million Menschen waren ermordet worden, überall herrschten Angst, Misstrauen und Mangel.

Und heute?

  • In den 2000er-Jahren wuchs die Wirtschaft jährlich um durchschnittlich 7,4 %.
  • Die Armutsquote sank von 78 % (1995) auf 45 % (2010/11) und weiter auf 27,4 % (2024).
  • Allein in den letzten sieben Jahren gelang rund 1,5 Millionen Menschen der Schritt über die nationale Armutsgrenze – etwa 214.000 Menschen pro Jahr.

Trotz berechtigter Kritik am autoritären politischen System: Das sind außerordentliche Erfolge!

Ähnlich positive Entwicklungen erlebte ich in Äthiopien, Ghana, Kenia und Senegal – Ländern, in denen ich über Jahrzehnte hinweg gearbeitet habe und in denen der Fortschritt überall sichtbar ist. Fortschritt, der Hoffnung schafft und Lebensperspektiven eröffnet, wo zuvor kaum welche existierten.


Wieder meine Fragen:

  • Warum wird der Beitrag der Entwicklungszusammenarbeit zu diesen Erfolgen so selten gewürdigt?
  • Gelten in den Medien wirklich nur schlechte Nachrichten als gute Nachrichten?

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