Vom kleinen Silberschmied zum Exportproduzenten mit eigenem Label – geht das?

Du kennst das: In einem fernen Land stößt du auf großartige Produkte.
Ein aus Aludosen gefertigtes Spielzeugflugzeug. Selbst hergestellte Bio-Kosmetik, deren Duft dich in Tausendundeine Nacht entführt. Handgewebte Seidenschals in allen Farben der Welt – so weich, dass du sie gar nicht mehr loslassen willst.

Du bist geflasht. Und doch bleibt ein Beigeschmack: Die Hersteller leben in bitterer Armut.
„Da müsste doch was gehen …“, denkst du und entwickelst Ideen, wie man ihnen helfen könnte.

Dieser Artikel erzählt von genau so einer Situation. Und er zeigt: Träume können wahr werden – wenn Fachwissen, Engagement und ein langer Atem zusammenkommen.


First Contact

Am Morgen öffne ich das Tor meines Heims in Niamey. Noch ein Abschiedsklaps für meinen Hund, dann steige ich in meinen Land Cruiser. Der Dieselmotor springt mit einem Ruck an, die Räder wühlen sich durch den Sand der Piste. Bald erreiche ich die geteerte Straße nahe des Château d’Eau.

Die Silberschmiede sind bereits bei der Arbeit. Auf Matten sitzen sie am Straßenrand, zwischen ihren Beinen liegen Rohlinge. Hier wird gefeilt, dort gehämmert. Ein Junge bedient den Blasebalg; in rhythmischen Stößen stieben Funken aus dem Schmiedefeuer.

Ich halte an, ziehe eine Projektbroschüre aus dem Handschuhfach und steige aus.
„Guten Morgen. Ich arbeite für ein Handwerksförderprojekt …“, erkläre ich einem älteren Tuareg und reiche ihm das Faltblatt.
„Attends – warte“, sagt er und holt den Chef der Kooperative.


Teatime

Eine Viertelstunde später sitzen wir im hinteren Bereich der improvisierten Werkstatt. Mit deutscher Dynamik will ich sofort das Projekt vorstellen. Kaum beginne ich, hebt er die Hand.
„Attends!“

Ein paar glühende Kohlen werden von der Esse zu unserer Teestelle gebracht. Flammen züngeln auf, der verrußte Kessel landet auf dem Feuer. Nach dem Ziehen kommen Minze und reichlich Zucker hinzu. Dann fließt ein goldgelber Strahl in hohem Bogen in mein Glas.

„Tu voulais dire quelque chose ? – Du wolltest etwas sagen?“, fragt der Tuareg. Mit majestätischer Geste legt er sein Gewand über die Schulter. In seinen Augen liegt die stille Weite der Wüste, in der er aufgewachsen ist.


Der Einstieg

„Ihr analysiert eure Probleme, priorisiert sie und arbeitet die vorgeschlagenen Schritte in einem Aktionsplan ab. Wir begleiten euch, geben Ratschläge, holen Berater oder Ausbilder hinzu. Schritt für Schritt werdet ihr selbstständiger und lernt, die Herausforderungen eigenständig zu meistern“, erkläre ich nach der Vorstellungsrunde.

Agellid wendet sich an die älteren Tuareg. Sie beraten sich in Tamaschek. Die Jüngeren hören aufmerksam zu, mustern mich, blicken dann wieder scheu zu den Clanoberen.

„Wir haben verstanden. Wir werden darüber sprechen. Komm nächste Woche wieder“, sagt Agellid und begleitet mich zu meinem Auto.


Von Herausforderungen zu Aktionen

Die nächsten Monate verbringe ich in einem Meer aus Indigoblau. Silber wird Teil meines Alltags: stumpf und unförmig als Rohling, funkelnd und voller geheimnisvoller Gravuren als Agadez-Kreuze, Ringe und Halsketten. Bald riecht meine Kleidung nach Minze und dem Rauch der Esse. Ein Leben ohne den goldenen Teestrahl und den zuckersüßen Abgang kann ich mir nicht mehr vorstellen.

„Wir haben Probleme beim Löten und bei der Temperatursteuerung“, berichtet Itri und zeigt auf den in Tifinagh verfassten Aktionsplan. Die Schriftzeichen erinnern mich an phönizische Inschriften archäologischer Fundstätten.

Wir laden eine prämierte Silberschmiedin aus Deutschland ein. Zwei Wochen lang übersetze ich bei der Fortbildung in einem Hangar. Sand ist mein Kissen, ein Fächer meine Klimaanlage.
Vom Schwäbisch der Meisterin ins Französische, von dort übersetzt der blitzgescheite Afaw ins Tamaschek – und Minuten später kommen Rückmeldungen zurück, die ich wieder ins Deutsche übertrage. Schwäbisch bleibt mir fremd.

Die Handgriffe der Schmiede werden mir vertraut. Es wird gelacht, gescherzt. Es geht voran.

„Wir brauchen einen Kredit, um größere Aufträge stemmen zu können“, sagt Agellid. Wir bewilligen ihn. Bessere Werkzeuge werden angeschafft, Silber im Großeinkauf günstiger bezogen.

„Die Gravuren sind manchmal schlampig ausgeführt“, schreibt uns die Meisterin nach ihrer Rückkehr, nachdem wir Fotos geschickt haben. Wir führen Qualitätskontrollen ein. Mit einer kleinen Investition – einer Sehhilfe für einen kurzsichtigen Senior – lösen wir das Problem.


No client – much cry

So ließe sich das Hauptproblem der Schmiede zusammenfassen. Die für Touristen attraktiven Handwerksdörfer und Boutiquen werden von mächtigen Djerma- und Haussa-Clans kontrolliert. Tuareg müssen in Seitengassen ausweichen, in die sich kaum Besucher verirren. Die einheimische Bevölkerung leidet unter der Wirtschaftskrise. Niger liegt im Index für menschliche Entwicklung auf Platz 170 von 174 Ländern. Schmuck wird fast ausschließlich zu Hochzeiten und religiösen Anlässen gekauft.

„Teilnahme an internationalen Messen und Ausstellungen“ wird daher der nächste Punkt im Aktionsplan.

„Ich kenne da jemanden“, sage ich und nehme Kontakt zu einem Import-Export-Spezialisten auf.


Indiana Jones

Ben erinnert an Indiana Jones: Khakihosen, sonnenverbrannte Arme, ein kurzärmeliges Funktionshemd voller Taschen und Reißverschlüsse. Sein Lachen erobert Herzen, seine Abenteuergeschichten machen ihn zum Star jeder Party.

Doch Ben kann auch anders. Dann liegt der Taschenrechner auf dem Tisch, die Augen verengen sich, die Stimme wird kühl.

„Eine Transportbox mit Ringen, Ketten und Armreifen. Jedes Quartal. Gleiche Menge, gleiche Qualität – sonst bleibt da nichts hängen.“

„Wie hoch ist dein Einkaufspreis?“, frage ich.
„Maximal zehn Prozent des Endpreises.“
„You’re kidding“, rutscht es mir heraus.
„Not at all“, entgegnet er. Einzelhändler in Europa kassierten bis zu sechzig Prozent, erklärt er. Die Zwischenhändler müssten schließlich auch leben.

Wir besprechen das mit den Schmieden. Schweigen. Argwöhnische Blicke wie beim ersten Treffen. Manche fragen sich, ob ich noch auf ihrer Seite stehe.

„Und wenn wir das selbst organisieren?“, schlage ich vor.


Frankfurt calling

„Dieser Weg wird kein leichter sein“, singt Xavier Naidoo – und er hat recht. Von der spontanen Idee einer eigenen Exportlinie bis zu den ersten Ergebnissen vergehen zwei Trockenzeiten und eine Regenzeit.

Doch dann ist alles da:
Beratung durch ProTrade.
Termine der großen Schmuckmessen.
Professionelle Fotos.
Ein eigenes Label mit Namen, Logo, Briefpapier, Broschüren und Visitenkarten.
Ein Messestand in Indigoblau – auf dunklem Samt wirkt jedes Schmuckstück doppelt so wertvoll.

Am Ende steht ein fünfstelliger Umsatz. Die Gewinnspanne bleibt vollständig bei den Schmieden. Der Ordner mit Visitenkarten ist prall gefüllt: deutsche Interessenten, französische Edelboutiquen, Bestellungen für zahlungskräftige Kundschaft in Paris.

Am Ende dieses langen Wegs steht auch die Gewissheit: Es geht.
Aus kleinen Silberschmieden können professionelle Exporteure werden.
Wenn Fachwissen, Engagement und ein langer Atem zusammenkommen, können Träume wahr werden.

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