Die Ziele der Entwicklungszusammenarbeit werden ambitionierter.
Die Aufgaben komplexer.
Gleichzeitig werden Projekte und Beratungen immer kürzer.
Angesichts der enormen Herausforderungen der Partnerländer – Kriege, Klimawandel, Migration, Radikalisierung – sollten wir innehalten. Uns Zeit nehmen. Einen ehrlichen Dialog führen und langfristig kooperieren.
Stattdessen rasen wir an unseren Partnern vorbei.
Im Turbo. Mit digitaler Schallgeschwindigkeit.
Ein, zwei Tage – und schon ist ein Projekt gestrickt?
Ein Beispiel für das immer höhere Tempo:
Am anderen Ende der Telefonleitung ein potenzieller Auftraggeber. Mir wird die Durchführung von sechs Projektprüfungen angeboten. Aufgabe: relevante Akteure identifizieren und gemeinsam ein sinnvolles Projektdesign entwickeln – oft in mehreren Regionen und auf allen Ebenen. Dutzende Interviews und Ortsbegehungen gehören dazu. Der reale Aufwand: rund zehn Tage pro Land.
„Und wie viele Tage sind pro Prüfung veranschlagt?“, frage ich.
„Ähm … wir dachten an drei. Inklusive An- und Weiterreise. Insgesamt maximal 18 Tage.“
„Machen Sie Witze?“, entgegne ich. „Abzüglich der Reisezeiten bleiben eineinhalb Tage pro Prüfung und Land. Wie soll in dieser Zeit ein abgestimmtes Projektdesign entstehen?“
Es folgen hörbares Unbehagen, ein paar Ähms, Hinweise auf Sachzwänge und fehlende Mittel. Dann lege ich auf.
Früher: langfristige Förderung
Ein Blick auf frühere Förderansätze zeigt, wie sehr sich die Logik verändert hat.
In den 1980er- und 1990er-Jahren liefen Programme teils über Jahrzehnte. Ein Beispiel ist das Keita Integrated Development Project im Niger, das ab 1983 über rund 30 Jahre Desertifikation bekämpfte, Ernährungssicherheit stärkte und lokale Entwicklung förderte. Die Ergebnisse sind messbar: 18 Millionen gepflanzte Bäume, über 34.000 Hektar rehabilitiertes Land, eine Ausweitung fruchtbarer Ackerflächen um rund 80 Prozent.
Wer heute durch den Sahel reist, sieht vielerorts fest verankerte Erosionsschutzmaßnahmen: Steinwälle, gesichert mit Drahtgeflecht, oder sichelförmige Demi-Lunes, die Regenwasser zurückhalten.
Auch klassische Vorhaben in der beruflichen Bildung oder Kleingewerbeförderung dauerten acht bis zehn Jahre:
Phase 1: Aufbau.
Phase 2: Umsetzung.
Phase 3: Konsolidierung und Exit.
Warum langfristige Förderung sinnvoll ist
In der Leitung von rund 60 Evaluierungen und zahlreichen Beratungsaufträgen wurde mir immer wieder deutlich, wie notwendig langfristige Ansätze sind:
- Kamerun: Eine Berufsschule wollte Photovoltaik-Schulungen einführen. Erst in der ersten Projektphase zeigte sich, dass die gesamte Strominfrastruktur marode war. Leitungen mussten flächendeckend erneuert werden – eine ungeplante Maßnahme über mehrere Jahre.
- Jamaika: In einer Berufsbildungsreform dauerten die Erstellung von Gerätespezifikationen, Vergabeprüfungen und Lieferprozesse viele Monate. Sparmaßnahmen blockierten zusätzlich die Budgetfreigabe. Erst das Eingreifen eines Staatssekretärs führte nach Jahren zur Lieferung dringend benötigter Ausstattung.
- Personalprobleme: In rund einem Drittel der evaluierten Projekte kam es zu Verzögerungen durch Personalmangel, Fluktuation, Krankheit oder familiäre Umbrüche.
- Politische Faktoren: Wahlen, Regierungswechsel und Sicherheitslagen blockierten Projektarbeit oft monatelang – etwa durch islamistische Radikalisierung in Mali, Burkina Faso, Nigeria und Niger.
Diese Beispiele zeigen: Verzögerungen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Drei Jahre reichen. Wirklich?
Reagieren wir auf immer komplexere Herausforderungen mit flexiblen, langfristigen Programmen?
Mitnichten. Das Gegenteil ist der Fall.
Die meisten Projekte laufen heute drei Jahre – faktisch oft nur zweieinhalb. Vier Jahre gelten bereits als Ausnahme. Anschlussphasen sind selten gesichert. Vertrauen kann kaum entstehen.
„So ist das mit euch“, sagte mir die Leiterin einer Industrie- und Handelskammer im Sahel.
„Kaum hat man sich an euch gewöhnt, seid ihr schon wieder weg.“
„Und lasst uns allein zurück“, ergänzte ein Kollege.
Zwei aktuelle Beispiele:
- In einem westafrikanischen Land sollte ein gesamter Agrarsektor modernisiert werden – von Düngung und Saatgut bis zur industriellen Weiterverarbeitung, inklusive Bio-Zertifizierung und vollständiger Transparenz der Wertschöpfungskette. Laufzeit: drei Jahre und drei Monate.
Das Ergebnis: Überambitionierte Planung, Widerstand nationaler Verbände, unvollständige Industrialisierung. Am Ende mussten Notfallpläne für 500 Bäuerinnen erstellt werden, um den nächsten Erntezyklus überhaupt zu sichern. - Ähnlich verlief ein landesweites Vorhaben zur Mechanisierung der Landwirtschaft über Kooperativen. Erst nach fast zweijähriger Verlängerung konnten zentrale Einkommens- und Beschäftigungsziele erreicht werden. Andere Ziele blieben deutlich unerfüllt. Mit Projektende war die finanzielle Nachhaltigkeit der Kooperativen noch nicht gesichert.
Warum 3–4 Jahre nicht reichen
- Aufbau braucht Zeit
Die ersten 12–18 Monate fließen fast immer in Personal, Strukturen und Vertrauen – Wirkung entsteht hier kaum. - Wirkung braucht Kontinuität
Systemveränderungen zeigen Effekte oft erst nach vier bis sechs Jahren. - Konsolidierung entscheidet
Ohne Verstetigungsphase brechen Erfolge nach Projektende häufig weg. - Kurze Projekte sind teurer
Neustarts verursachen höhere Transaktionskosten und Wissensverluste. - Politische Zyklen ersetzen fachliche Logik
Laufzeiten folgen zunehmend Legislaturperioden statt entwicklungspolitischen Realitäten.
Fazit
Wer Entwicklungsprojekte auf drei oder vier Jahre begrenzt, plant das Scheitern mit ein. Institutionen lassen sich nicht im Schnellverfahren aufbauen, Märkte nicht auf Zuruf entwickeln, Bildungssysteme nicht im Projektkalender reformieren. Was früher acht bis zehn Jahre wachsen durfte, wird heute auf halber Strecke abgebrochen – aus haushaltspolitischer Kurzsichtigkeit und politischem Aktionismus. Das ist frustrierend für engagierte Fachkräfte.
Es ist fatal für Partner, die feststellen, dass Verlässlichkeit verloren geht.
Und es ist katastrophal für die direkt Betroffenen, die mit neuen Ansätzen allein gelassen werden – mit Halbwissen, fehlender Ausstattung und unklaren Perspektiven.
Schreibe einen Kommentar