Gutes Wasser vom Fluss

Ich sitze im schönsten Wartezimmer der Welt. Bis zum Boden reichen die Zweige des Mangobaums. Hellgrüne Früchte hängen an ihnen und warten auf ihre Reife. Hier, in diesem Raum zwischen Stamm und Fruchtgirlanden, hätte eine Großfamilie genügend Platz. Es ist herrlich kühl, nur ein paar auf den Boden fallende Sonnentupfer erinnern an die draußen brütende Hitze.

Es raschelt, der Blättervorhang wird geteilt. Martina und Holger, meine aus Deutschland angereisten Freunde, kommen näher. Ihre Schritte sind hitzeschwer, die Achseln schweißnass. Sie haben unten am Niger dem Treiben am Fluss zugeschaut: Frauen, die kunterbunte Wäscheberge schrubben; Männer, die sich in den Fluten waschen, Kühe, die ein Bad genießen. Das wohlige Schnauben der Tiere hatte die Schreie der planschenden Kinder übertönt.

„Und? Gibts Neuigkeiten?“, fragt Martina, ihr schmales Gesicht ist gerötet. Als ich antworten will, raschelt es erneut, ein Junge betritt die grüne Kathedrale. Er trägt Sporthosen und ein FC-Barcelona-Trikot. „Il est là – er ist da“, meint er schüchtern.

Er – das ist Boubé, dem wir bei einer Benzinpanne geholfen hatten. Zum Dank hat er uns heute zu sich nach Hause eingeladen. Nun läuft Barcelona voran. Nackte Jungenfüße springen behände über Steine, wir drei folgen mit teutonischer Eleganz. Nach ein paar Minuten erreichen wir Boubés Haus. Zu Ehren der Gäste ist der Betonboden des Wohnzimmers mit Matten bedeckt, Plastikstühle stehen darauf.

Boubé begrüßt uns herzlich und meint, wir sollen uns ganz wie zu Hause fühlen. Als wir uns gesetzt haben, betritt seine Frau den Raum. Aus einem Eimer schöpft sie Wasser und bietet es Martina zuerst an. Aufgewirbelte Partikel kreiseln in der Kelle.

Martina zögert. Ich höre, wie sie schluckt. Sie wirft mir einen Blick zu. „Los, mach was!“, flehen ihre Augen.

„Das ist gutes Wasser vom Fluss!“, erklärt Boubé und weist einladend auf den dargebotenen Trunk.

In mir wirbeln Bilder durcheinander. Seifenschaumberge treiben an in den Fluss pinkelnden Kühen vorbei. Vor Bilharziose mahnende Fachartikel konkurrieren mit Ethno-Wissen über die Bedeutung von Begrüßungsritualen. Gleichzeitig spüre ich, wie die Kelle in der Hand von Boubés Frau immer schwerer wird.

„Das ist das beste Wasser, das es gibt“, sage ich nach einer kleinen Ewigkeit. „Wir Europäer sind nur leider schrecklich verzogen: Bei uns wird alles erhitzt und behandelt. Unverarbeitete Getränke vertragen wir einfach nicht mehr.“ Martinas Augen danken mir, ein Lächeln spielt um ihre Lippen.

Barcelona wird fortgeschickt und kommt mit Softdrinks zurück. Bald erfüllt der Duft von frisch gegrillten Brochettes den Raum. Überschwänglich lobe ich das Essen und tunke Stück um Stück in das Pili-Pili. „So etwas können sogar wir dekadenten Westler essen“, meine ich und lache laut. Aber es bleibt Distanz zwischen uns und unseren Gastgebern.

Als wir Abschied nehmen, wird es schon dunkel. Unten am Fluss hört man die Schreie der Vögel.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert