Filou

1990 begann die Vorbereitung auf meinen dreijährigen Einsatz in Niger. Zunächst ging es zur Entwicklungshilfezentrale in Berlin. In wohltemperierten Seminarräumen erledigten wir Ausreiseformalitäten, übten Interviewtechniken und transformierten Dialekte zu vornehmem Französisch. Zumindest versuchten wir es. Draußen vor der Tür war das Thermometer im freien Fall: minus 5, 10, 15 … Die Havel fror zu; bei Spaziergängen zwickte einem die Kälte in die Nase.

Anfang April 91 ging es dann in den Niger. Nun machte das Thermometer Kletterübungen: 30, 35, 40 Grad. Im Vorbereitungshäuschen scharten wir uns japsend um Ventilatoren, der Wasserkrug wurde zum besten Freund. Abdou brachte uns Lokalsprachen bei. „Barka da safiya“, grüßten wir ihn am Morgen. „Keu a ka ‚ono“, wünschten wir ihm frohes Kauen, wenn er sich seinen sehnigen Fleischbrocken widmete.

Am Nachmittag war Landeskunde dran. Als er von der Invasion der Imaziren erzählte, jaulte es draußen vor der Tür. Abdou, blaues Jackett und stets korrekt und höflich, zuckte mit keiner Wimper. Wegzoll erhoben die Tuareg, berichtete er, Transsahara-Karawanen wurden von ihnen überfallen. Draußen winselte es zum Gott erbarmen.

In der nächsten Pause ging ich in den Hof. Unser Wächter Ahmed hatte einen Hund in der Mitte des Hofes angebunden. Tapsig knabberte der Welpe an der Schnur; Hundetatzen spielten Schlange fangen. „Wie heißt er?“, fragte ich Ahmed. Er zuckte mit den Achseln, der Kleine war namenlos.

Projektmanagementtraining und Sprachunterricht folgten in den nächsten Tagen. Draußen jaulte es. Partizipative Methoden, Sicherheitstipps und Buchhaltungstraining. Tapsi schmiss seinen Napf um, scheppernd kreiselte er auf dem ausgetrockneten Boden.

Sein jaulender Protest begleitete mich, wenn ich schachmatt eine Siesta einlegte. Er war bei mir, wenn ich den Sahelstaub von mir duschte. Er setzte mir zu, wenn ich mich abends in der Zubereitung von Foufou mit Erdnusssoße übte.

Als ich nach der Vorbereitung ein Haus angemietet hatte, stand mein Beschluss fest: Tapsi kommt mit! Ein paar ordentliche CFA-Scheine wechselten den Besitzer, die Schnur musste fürs Erste als Hundeleine herhalten.

Draußen, das war für Tapsi Neuland. Also setzte er sich erst einmal hin und sog die neuen Eindrücke in seine Stupsnase. „Komm, Tapsi, komm!“

Ein paar Schritte traute er sich. Vorbei am Straßenverkäufer, Mangos, Maniok und Flaschen voller gerösteter Erdnüsse thronten auf seinem Stand. Und wieder setzte er sich hin. „Komm, Tapsi, komm!“. Er ließ sich überreden und wir passierten ein brachliegendes Grundstück. Tuareg hatten Hütten darauf errichtet. „Filou! Filou!“, riefen die Kinder und winkten aufgeregt.

„Filou?“, frage ich Tapsi. Er schaute mich treuherzig an und bellte. Also gut! Abgemacht!

Die nächsten Jahre hatte Filou genug Auslauf in unserem Garten. Abends, wenn es langsam kühler wurde, hörte ich das Jagen seiner Tatzen. Die Laufspur grub sich rund ums Haus ein.

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