Was macht der da bloß?
Nur mit Shorts bekleidet springt der junge Mann von Felsen zu Felsen. Gebietet den heranrauschenden Wellen mit ausgestreckten Armen anzuhalten. Lacht, als sie sich weigern. Schlägt ihnen mit Thai-Chi- artigen Bewegungen vor, seinem Rhythmus zu folgen.
Ich bin völlig erledigt. Berufsbildungsdaten kreiseln in meinem Kopf. An diesem Sonntagmorgen will ich einfach nur ein bisschen am Strand chillen. Mit halb geöffneten Augen schaue ich dem Treiben des Meerbeschwörers zu.
„Lobster! Lobster?“, ruft ein Rastafari in seiner Nähe. Seine Dreadlocks teilen sich, als er die frisch gefangenen Hummer hochhebt; ein Teil der mächtigen Stränge hängt nun vor, ein Teil hinter seiner Schulter.
„No thanks, man – nein, danke!“, winke ich ab. Die Scheren der Tiere sind zugebunden, die Antennen zappeln im Todeskampf. Ich schaue lieber woanders hin.
Der Mann in Shorts hat seine Beziehung zum Meer unterdessen vertieft. Verzückt vollführt er akrobatische Drehsprünge. Jubelt mit hochgerissenen Armen. Jauchzt, als eine Königswoge heranrauscht.
„Lobster! Lobster!“, schallt es wieder über den Strand.
Es wird langsam heiß. Langsam stehe ich auf und schaue mich nach einem Schattenplätzchen um.
Anmerkung des Autors
Von 1996 bis 1999 war ich Teamleiter in Jamaika. Zunächst erstellte ich zusammen mit rund 10 jamaikanischen Kollegen und Kolleginnen eine Berufsbildungs-Sektoranalyse. In drei mächtigen Dokumenten wurde erfasst, welche Formen von Berufsqualifizierung es in dem Land bislang gab. Von vorschulischer, spielerischer Sensibilisierung bis hin zur Ausbildung zum Ingenieur.
Anschließend wurde ein zweibändiger Masterplan erstellt. Zahlreiche sogenannte „Geber“ beteiligten sich im Anschluss an der Ausgestaltung des Berufsbildungssystems. Es wurde zu einem Vorzeigesystem in der Karibik und an andere Länder weitergegeben.
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